Da sind wir wieder – im Lockdown und keiner hat es gewollt

am besten nicht viel bewegen, vielleicht geht es dann schneller vorbei

Machen wir uns nichts vor, wir haben es alle kommen sehen. Die Zahlen stiegen und stiegen: in Frankreich, Tschechien, Spanien und wir haben gedacht: Wir Deutschen machen mal wieder alles richtig. Aber so läuft es nicht, wenn es um eine Pandemie geht, es ist kein Spiel, welches Land es besser oder schlechter macht. Wir alle müssen da durch und keiner freut sich. Die Kinder tragen seit Montag in Hamburg Maske, bekommen kaum Luft, sollen dann in der Pause die Maske absetzen, um wieder ganz kurz Luft zu bekommen. Dazwischen wird gelüftet, nur alle 20 Minuten jetzt. Nicht zu lang, nicht zu kurz, jeder Tag birgt neue Erkenntnisse und verwirft jene, von denen wir in der vergangenen Woche noch dachten, sie seien in Stein gemeisselt.

Die ersten Freunde sind an Corona erkrankt, einige leicht, andere schwerer. Es ist keine Krankheit aus der Zeitung mehr. Sie hat uns erreicht und wir verstehen, dass Corona jedes Mal anders verläuft.

Während wir den ersten Lockdown noch mit Humor und Lebensfreude angingen, denn immerhin ging es ja auch direkt in den Frühling hinein, bemerke ich jetzt selbst bei positiven Mitmenschen die Angst vor dem dunklen Winter. Was, wenn wir nun 6 oder 7 Monate gelockdownt sind? Woher noch den Antrieb nehmen, die Kinder zu motivieren, sich selbst zu motivieren? Wohin mit all der Einsamkeit, die auch schon normale alleinlebende Menschen ab Ende November in sich tragen? Fröhliche Corona Aperitifs, die wir mit Freunden auf Abstand im Garten hatten, weichen bei Minusgraden nun dem Hang gesund zu leben, um die Moral nicht zu verlieren. Meine neueste Bibel heisst: Heile deine Leber (Anthony William). Ab jetzt arbeite ich statt mit Gin Tonics, mit einem Entsafter. Die 2.Welle wird mich nicht kleinkriegen, sollte es eine Dritte geben, wird mir hoffentlich auch noch etwas einfallen.

Hätte ich die Kinder nicht, würde ich wahrscheinlich sehr viel lesen oder Serien gucken. Eventuell auch etwas vergammeln oder mir endlich eine Weiterbildung online organisieren, die mich wieder in das Arbeitsleben zurückbringt. Aber – wie ich schon so oft geschrieben habe- die Kinder sind die Leidtragenden der Pandemie und da ich sie liebe, suche ich Tag für Tag nach Lösungen, es ihnen leichter zu machen . Seit die Schule im August begonnen hat, hetzen die Lehrer durch den Lehrplan, eine Arbeit nach der anderen wird geschrieben, um nur ja ein paar ernstzunehmende Noten zu sammeln, falls, ja falls es wieder zum Lockdown kommt. In den letzten Tagen übten Lehrer mit uns welche Dateien, wie zu Hause hochzuladen sind und wieviel Stoff von zu Hause bewältigt werden kann. Wir sind eine Art Katastrophenschutzteam im Übungsmodus und bereiten uns wieder einmal auf den Ernstfall vor.

Ich persönlich möchte mich gerne verweigern. Ich schaffe es nur als Erwachsene halbwegs positiv zu bleiben. Das Glas ist halbvoll, halbvoll, halbvoll.

Wenn ich aber sehe, wie es den Kindern jetzt schon ergeht, wie ihre Sportstunden am Nachmittag gestrichen werden, sie jeden Tag neue Verordnungen zu verstehen versuchen und nebenbei dem Stoff vom letzten Jahr hinterherhinken (denn natürlich hat niemand gefragt, ob das eine oder andere Kind wirklich von Februar bis Mai alles verstanden hat zu Hause). Wie sie schlechte Noten nach Hause bringen und keinerlei Motivation mehr haben, weil die Perspektive düster ist für die kommenden Monate und ihre Mutter ihnen dennoch immer wieder erklärt, dass Handys übles Teufelswerk sind und sie doch bitte draussen spielen sollen, dann kann ich nur sagen:

Das Glas ist halbleer.

Sollte jemand eine Idee haben, wie wir es füllen können, ist er herzlichst eingeladen mir Ideen zu liefern.

Was soll der ganze Müll? 50 Dinge, die du tun kannst, um die Welt zu retten..

„Was soll der ganze Müll“ ist so ziemlich die beste Überschrift, die ich dieser Tage finden konnte. Eigentlich habe ich sie geklaut von einem Buch, auf das ich gleich zurückkomme, aber dieser Ausruf passt auch ganz gut zu unserer Situation hier. Manchmal denke ich, hättest du deinen Blog doch bloss nicht in „Daily Desaster“ umbenannt, das schreit ja geradezu nach Katastrophen, aber wer denkt in so einem Moment an so etwas? Niemand, genau!

In der Reihe der Katastrophen haben wir momentan einen multiresistenten Keim anzubieten, der bei meiner kleinen Tochter einfach nicht weggehen will und der neben Schmerzen und Ärger, vor allem auch mich auf Trab hält, da ich im Grunde fast alles, was sie anhat oder touchiert sofort waschen muss und das jetzt schon zum dritten Mal in Folge (losgegangen ist das Ganze im Juni). Handtücher, jeden Abend nach Desinfektionsdusche, Nachthemden, Bettwäsche und vieles vieles mehr, dazu Cremen, Abstriche beim Hautarzt und und und. Meine Mutter, die nach einer Woche Besuch wieder abgefahren ist, war sehr sehr vorsichtig mit Corona (und macht jetzt nach Rückkehr von uns sofort einen Test) aber was den MRSA Keim betrifft hat sein sich wenig Sorgen gemacht. Ich bete zu Gott, dass wir das mit ihr nicht zu locker genommen haben.

Neben all den Sorgen um Gesundheit, mache ich mir inzwischen auch Sorgen, wie unsere Familie weiter zusammenkommen soll. Völlig unvermittelt hat die Bundesregierung Paris und die Ile de France zum Risikogebiet erklärt. Mein Mann pendelt zwischen beiden Städten und weiss nicht, wie wir das jetzt machen sollen. Ankunft Donnerstag Abend, 5 Tage Quarantäne …dann Test, damit wären wir wieder bei Donnerstag, lohnt also nicht für einen Tag nach Paris zu fliegen, dann wieder Montag dorthin und dann wieder zehn Tage zu Hause? Wie soll das gehen? Hilfe, was machen andere Pendler in dieser Situation, wir brauchen Ratschläge, bislang stehen wir ideenlos vor dieser neuen, für uns ziemlich schwierigen Situation.

Apropos schwierig, eigentlich wollte ich ja über ein Buch schreiben, was mir neulich in meiner #Carlsen Blogger Kiste in die Hände gekommen ist. Wieder einmal lese ich ein Kinder bzw. Jugendbuch und muss feststellen, dass es Erwachsenen nicht schaden kann in die Kinderabteilung zu gehen. Bevor man seitenweise kluge Hinweise im Spiegel oder der FAZ zur Klimarettung liest, ist es manchmal eingängiger ein paar einfache Vergleiche zu verstehen. Zum Beispiel zum Thema Konsum (mir durchaus nicht fremd).

  • In Deutschland werden jedes Jahr etwa eine Million Tonnen Kleidung gekauft. 62-tausend Lastwagen voll Baumwolle,Nylon und Pailetten. Würde man sie anneinanderreihen ergäbe das eine LKW Schlange von Flensburg bis Innsbruck.
  • Allein die Produktion dieser Klamotten und dann diese zu waschen, gibt so viel CO2 an die Atmosphäre ab, wie Afghanistan und Simbabwe zusammen. UND: verbraucht genug Wasser, um alle Badewannen Grossbritanniens ZEHN Jahre lang jeden Tag zu füllen.

WAHNSINN. Und das war nur ein Punkt des Buches. Natürlich bieten sie Ideen an, wie wir es besser machen können, Klamotten tauschen zum Beispiel ist ein Trend, der immer mehr um sich greift, jetzt erst kapiere ich wie wichtig das ist. Ach und nicht jedes Mal die Toilette runterspülen, verbraucht viel zu viel Wasser…(und wenn kein Besuch kommt, geht das doch schon mal)

Benutze keine Plastiktüten mehr, nehme reglmässig dein Fahrrad , zieh die Vorhänge morgens auf, anstatt das Licht anzuknipsen, lasse nie den Kühlschrank offen stehen, bis zu 7 % seiner gesamten Energie verbraucht ein Kühlschrank bei dem Versuch die warme Luft herunterzukühlen, die durch das Öffnen der Tür hereingerauscht ist.

Auch interessant: Es ist gegenüber der Erde viel netter eine Geschirrspülmaschine zu benutzen, aber nur solange man Teller und Tassen NICHT vorher schon grob abspült. Ein normaler Maschinengang verbraucht nur 12 bis 15 Liter Wasser. Für das Vorspülen unter dem Wasserhahn können jedoch schockierende 22-tausend Liter pro Jahr draufgehen.

Für mich ist dieses kleine, feine Buch eine stetige Erinnerung daran, dass man es besser machen kann. Ein KaufMUSS für jeden.

So ich widme mich jetzt wieder der Keimsanierung. Das Kind durfte heute nicht in die Schule und muss versorgt werden. Draussen stürmt und regnet es und wir werden das Beste aus dieser Situation machen, wie auch aus jeder anderen Daily Desaster Situation. Schöner Scheitern für Fortgeschrittene, es wird Zeit dass ich das in den Homeschooling Plan mit aufnehme.

Ein bisschen schlimmer gehts immer…

Mein Hang zu Krankenhäusern und Notaufnahmen scheint tief in mir verwurzelt zu sein und so hat es mir diese Woche offenbar nicht gereicht nur einmal ins Krankenhaus zu gehen, nein es musste ein zweites Mal sein: Gestern Morgen wollte ich mir gerade einen Café machen, als ich – warum auch immer – beschloss, erst noch den Müll rauszubringen und -warum auch immer – dabei den Mund leicht geöffnet hatte. Ein noch unwahrscheinlicherer Zufall liess just in diesem offenen Mund-Moment eine Wespe in diese Richtung fliegen, die vor lauter Schreck über meinen Mund direkt zustach. Positiv wie ich war dachte ich noch, ok, blöd gelaufen, ein Eiswürfel wird helfen, aber als die Zunge innerhalb von 5 Minuten auf monströse Grösse angeschwollen war, schien mir ein Krankenhaus doch die bessere Option zu sein. Das UKE hätte ich nach Montag nicht mehr angesteuert, also wählte ich das AK Altona und bekam die Art Vorzugsbehandlung, die meine Schwester am Montag leider nicht erleben durfte.

Kaum hatte ich den Wagen vor der Notaufnahme geparkt und unter der Maske genuschelt „Weschppenschtich in Sunge“ wurde ich auch schon in ein Nebenzimmer geschleppt und 3 Sekunden später hatte ich einen Zugang, durch den Cortison und Antihistaminika flossen. Parallel wurde mir Eis in den Mund gesteckt und um die Situation noch ein wenig schwieriger zu gestalten, fragte mich die freundliche Schwester, ob ich jetzt bereit sei mit ihr den Corona Fragebogen auszufüllen. Was im UKE gar nicht stattfand, wurde hier trotz Monsterzunge und Eis im Mund durchgezogen. Ich beantwortete brav per Kopfnicken- und Schütteln alle Fragen und versöhnte mich mit Hamburgs Krankenhäusern und der Corona Situation. So kann es also auch gehen. Der Rest dürfte für Sie nicht mehr interessant sein. Ich wurde in ein ruhiges Zimmer geschoben, an einen Tropf gelegt, mein Herz, Blutdruck und sonstiges wurden lange überwacht. Dank Medikamentencoctail schlief ich selig und irgendwann war die Zunge fast wieder normal.

sieht gemütlicher aus, als es war, aber immerhin durfte ich liegen und farblich passte ich gut in den Raum

Um 13 Uhr 20 stand ich – 4 1/2 Stunden nach Wespencarambolage- wieder vor meiner Haustür, 5 Minuten später kamen die Kinder nach Hause und fragten, was es zu Essen gäbe. So ist es das Mutterleben.

Ps. Bin dann aber dank zu vieler Medikamente doch wieder auf dem Sofa eingeschlafen und meine grosswerdenden Töchter haben sich wahrscheinlich noch gefreut, dass ich diesen einen Tag mal nicht ihren Handykonsum überwacht habe. Beim Müllrausbringen schliesse ich jetzt immer den Mund. Irgendwie muss man ja aus so einer Situation auch lernen.

Und der Preis für das grösstmögliche Daily Desaster geht an….

Das Uniklinikum Eppendorf in Hamburg.

Ich will Sie nicht zu lange hinhalten, der Frust über den gestrigen Tag steckt noch tief, die Erschöpfung auch, aber was solls, so ist das Leben. Meiner Schwester ging es gestern ganz und gar nicht gut. Fieber, sehr starke Bauchschmerzen, immer wieder Ohnmachtsgefühle. Wir gingen zum Arzt und wurden – immerhin mit Überweisung – in die Notaufnahme des Universitätsklinikums Eppendorf weitergeleitet. Diese Notaufnahme verfolgt mich…Schon einmal hat man mich hier gnadenlos abgewiesen und in der Folge brach mein Blinddarm durch, aber wir wollten nicht nachttragend sein, Zeiten ändern sich und wir waren im Prinzip ganz zuversichtlich, denn wir hatten ja dieses irre wichtige Schreiben vom Hausarzt in der Hand und waren nicht einfach nur Menschen, die in Gefahr liefen, nicht ernstgenommen zu werden. Punkt 11.44 Uhr reihten wir uns in die Schlange ein. Vor uns hatte eine Frau einen vielleicht, keiner weiss was, eventuellen Schlaganfall gehabt. Sie begegnete uns danach noch viele Stunden..Schlaganfälle scheine nicht so wichtig zu sein in der Klinikhierarchie.

Das Krankenhauspersonal ist auf jeden Fall gut geschult. Zum einen im Abweisen, zum anderen in freundlicher Lässigkeit. Um 12 Uhr fanden wir das noch ganz witzig um 18:44 fanden wir es nicht mehr ganz so komisch. Wir kannten nach 6 Stunden fast alle Pfleger und Patienten, auch mit Namen, die Fallgeschichten, zum Teil auch die Handynummern (wir sassen sehr nah beinander) und waren erstaunt, dass wir uns angeblich mitten im Herzen einer brandgefährlichen Corona Epidemie befinden sollten, denn in der ganzen Zeit in der wir da waren wurden nicht EINER unserer neuen Bekannten in der Notaufnahme gefragt, ob er aus einem Risikogebiet komme oder Symptome habe. Isoliert wurde auch niemand, Platzprobleme schienen ein grosses Problem zu sein.

herrlich gemütlich so ein enges Wartezimmer in Corona Zeiten

Anders kann man es wohl kaum erklären, dass ein junger Mann über 3 Stunden im offenen Warteraum sass und sich das Leben aus dem Leib gespuckt hat. Die Schwestern in der Notaufnahme lächelten freundlich und liessen ihn spucken, auch noch als sich die Tüte mit dem Erbrochenen auf dem Wartezimmerboden entlud. Meine Schwester und ich hatten uns schon Stunden zuvor aus dem infektiösen Warteraum in 2 bereitstehende Rollstühle in der Halle gesetzt und waren erstaunt, dass alle anderen neben dem Spuckmann einfach sitzen blieben.

Der Raum war voll, Abstände gab es nicht, die Menschen benutzten alle eine Toilette, alle den selben Wasserspender und vor allem unser spuckender Freund holte sich regelmässig neues Wasser und fasste einfach alles an. Statt Corona lieber Noro Viren ist ja auch was, oder? Wir wollten jedenfalls keine von beiden. Irgendwann hatte meine Schwester einen Zugang gelegt begonnen. Das schafft, glaube ich Vertrauen, denn damit signalisiert man dem Patienten:ICH NEHME DICH ERNST. Bei dem Zugang blieb es lange, aber immer mehr Leute bekamen diese schicken Braunülen und alle sahen erst mal glücklich aus, weil man mit so einer wichtigen Nadel im Arm ja schliesslich nicht wieder abgewiesen werden kann, aber viele Stunden später war immer noch nichts hereingeflossen, kein Schmerzmittel, kein Antibiotikum, kein Wasser. In der Folge beobachteten wir einen Mann, der mehr Bauchschmerzen hatte als meine Schwester (oder einfach unbefangener zeigen konnte wie es ihm ging ) und sofort weggebracht wurde (wir waren sehr neidisch), einen Mann, der genau wusste, dass es seine Milz war, die schmerzte (woher weiss man das?)…ab da nannten wir ihn den Milzmann. Die Schlaganfallfrau, die Runde um Runde durch die Halle drehte, eine Frau die einen Alkoholrückfall hatte und erst vor drei Wochen in der selben Klinik einen Entzug gemacht hatte, viele dehydrierte junge Mädchen, die besser nicht zum Sport gegangen wären bei 34 Grad Aussentemperatur, ein altes griechisches Paar, das entzückend kultiviert war inmitten dieses Wahnsinns und jede Menge junge Ärzte, die hinter den Notarztwagen und den dahinterstehenden „Rauchen verboten“ Schildern Zigaretten konsumierte, um sich vor dem Notaufnahmenstress zu retten.

unser Foto des Tages 🙂 möge es mir der kaputte Arzt verzeihen, aber man sucht wirklich nach lustigen Dingen, wenn man stundenlang in der Notaufnahme ausharrt

Ach Apropos Corona…Was ist das? Also wenn noch einer behauptet wir wären gerade in einer Corona Epidemie, dann muss er sich täuschen. Bis auf Menschen mit Masken haben wir davon nichts mitbekommen. Wie schon vorhin erwähnt, wer nicht fragt bekommt keine Antwort. Corona Fragen werden im UKE nicht gestellt, warum auch?

Mein Fazit: gehen Sie auf keinen Fall in die Notaufnahme. Wenn Corona uns nicht krankmacht, dann ein solcher Tag auf jeden Fall. Ich liege heute im Bett und bin völlig erschöpft. Meine Schwester und ich waren über Stunden nicht auf der Toilette, weil wir uns so geekelt haben, den Wasserspender haben wir nicht angerührt. Und als wir um 19.15 das Krankenhaus verliessen wollten wir nie mehr zurückkommen. Ach ja eine Diagnose hat meine Schwester dann doch noch bekommen, den Rest muss jetzt der Hausarzt machen, klar!

Der Zug der Fische – ein Bilderbuch für Erwachsene

Von Zeit zu Zeit schickt mir der Hamburger Carlsen Verlag eine kleine, ausgewählte Blogger Kiste. Manche Bücher lesen meine Kinder für mich und manche lese ich sie und schreibe darüber. Diesmal habe ich ein Bilderbuch gewählt, das auf den ersten Blick aussah, wie etwas für die Kleinsten, aber nachdem ich es gelesen hatte, würde ich es eher uns „Grossen“ empfehlen.

Die Geschichte hat mich sehr bewegt. Sie handelt von einem Kind, das völlig auf sich alleingestellt leben muss. Marika, so heisst das Mädchen, lebt in einem ukrainischen Dorf und sammelt Blaubeeren, die sie auf dem Markt verkauft. Nur zwei Mal im Jahr hört sie von ihrer Mutter. Zu Weihnachten und zum Geburtstag kommen Briefe an, mit wunderschönen Briefmarken, Marikas ganzer Schatz. Seite um Seite erlebt man den Alltag dieses Mädchens, das sich gemeinsam mit ihren Freunden mehr oder weniger allein durchs Leben schlägt. Regelmässig kommt dank Western Union Geld an, von der Mutter, die weit weg in Italien arbeitet. Aber Marika wäre es lieber ihre Mutter wäre da und sie würde genug Blaubeeren finden, um davon leben zu können und dafür nicht allein zu sein. Und so werfen sie und ihre Freunde irgendwann die Geldscheine in den Fluss, sie schreiben auf das wertvolle Geld Botschaften für ihre Eltern, die sie so sehr vermissen . „Komm zurück!“ steht auf fast allen drauf und die Kinder hoffen, dass es der Fluss bis zu ihnen trägt.

Das Buch ist ein trauriges Buch. Es lässt einen nachdenklich zurück, denn es handelt von einer Geschichte, die kaum je erzählt wurde uns aber alle betrifft. Wir Europäer lassen uns im Alltag von diesen Müttern und Vätern helfen. Von den „Polen“ oder den „Rumänen“ oder den „Ukrainern“, die billig unser Haus putzen oder malern oder gute Handwerker sind. Sie arbeiten als Erntehelfer, Paketzusteller und Altenpfleger. Doch was aus ihren Familien zu Hause wird, weiss kaum jemand.

Im Anhang des Buches wird es erklärt:

Diese Kinder haben einen Namen, sie heissen Eurowaisen, so wurden sie erstmals in Polen bezeichnet, jeder kennt dort den Begriff. Denn Polen war unter den ersten Ländern, in denen Kinder in grosser Zahl ohne ihre Eltern aufwuchsen, weil ihre Eltern im Westen arbeiteten. Paradoxerweise gibt es ausgerechnet jetzt, in Friedenszeiten die wohl grösste Anzahl an „Waisenkindern“ in der Geschichte Europas. Die offenen Grenzen, der Frieden und Wohlstand in Europa, hat dieses traurige Phänomen hervorgebracht. Schätzungen gehen von über 1 Millionen Kinder aus, die ohne ihre Eltern aufwachsen.

Das Buch hat völlig zu Recht den Hamburger Bilderbuchpreis gewonnen. Ob es etwas für kleine Kinder ist, weiss ich nicht. Ich würde es eher meinen Grösseren zeigen, um sie dafür zu sensibilisieren, dass sie zwar über Begriffe wie Fair Trade in der Schule informiert werden, dass es aber auch einen Preis dafür gibt, wenn Kinder ohne ihre Eltern leben müssen.

Da sind wir wieder, es geht los! Mal sehen, wie lange…

Donnerstag 6.August. Schulanfang in Hamburg. Normalerweise ein Tag wie jeder andere, nicht aber in diesem Jahr. Meine Kinder waren bis auf wenige Ausnahmen seit Februar zu Hause, ich fühle mich gehetzt, wenn jemand nur eine Kleinigkeit von mir will, immer war ich ansprechbereit, mein Job als schlechte Haus-Lehrerin verhinderte so ziemlich alles, da meine Kleinere selbständiges Arbeiten noch nicht gewohnt war.

Dieser Blog sollte längst weiter entwickelt sein, ich wollte mir Zusatz-Ausbildungen angucken, die ich machen wollte und vieles mehr, aber Corona war und ist unser Lebensmittelpunkt. Selbst jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, beeile ich mich. Irgendwie sitzt dieses Gefühl immer im Nacken, dass gleich jemand verkünden wird: LOCKDOWN, die zweite Welle ist da, alle bleiben wieder zu Hause und was das wirklich bedeutet ist mir in unseren wirklich schönen und friedlichen Sommerferien bewusst geworden:

Unsere Kinder haben sich verändert: Meine grosse Tochter empfand es zwischenzeitlich als „stressig“ Menschen zu treffen, brauchte regelmässig Rückzug. Meine Kleine spricht von 2020 als dem schlimmsten Jahr ihres Lebens und selbst wenn ich mich noch so bemühe für Spass und Ablenkung zu sorgen: Die sozialen Medien verhindern es. Es gibt keine Leichtigkeit für Kinder zwischen 10 und 14 mehr, alles prasselt auf sie ein. Früher machte man einfach den Fernseher oder das Radio aus, um Kinder zu schützen, heute lauert die Überforderung überall. Tik Tok, früher Musical-ly ist das Twitter der Kinder. Eigentlich eine Plattform für Musikvideos und Tänze und Darbietungen, darf dort inzwischen jeder posten, was ihm in den Sinn kommt. Meine Tochter informiert mich darüber, dass Britney Spears von ihrem Vater gefangengehalten wird und dass sie es schaffen werden, sie zu befreien. Ebenso wollen sie Trumps Wiederwahl verhindern. Wir Erwachsenen hätten keine Ahnung, aber dank TIKTOK wüssten sie, die Generation „Z“ ALLES. Auf Tik Tok passiert in einer Stunde so viel wie auf dem ZDF in einem Jahr. Nur wie sollen Kindern das filtern, wenn schon die Realität anstrengend genug ist?

Michelle Obama sprach in einem Interview darüber, dass sie „leichte Depressionen “ bei sich diagnostiziert hätte – nach diesem Jahr. “ Es sei erschöpfend, wenn Schwarze entmenschlicht, getötet oder falsch beschuldigt würden, Der aktuelle US Präsident trage zu ihrem Missmut bei, so Obama in ihrem übrigens sehr hörenswerten Podcast.

Und all das bekommen auch die Kinder ungefiltert mit. Als Trump dieser Tage TIK TOK schliessen wollte, brach ein Millionenfacher Shitstorm auf ihn los. Natürlich will Trump nicht all die kleinen und grossen Kinder da draussen schützen, sondern nur sich selbst und seine eigenen Interessen. China, sein derzeit grösster Hass-feind betreibt die Plattform, die seinen Wahlkampf gefährden könnte.

Und so kann es dieser Tage passieren, dass ich mit meinen Kindern über so viele Themen diskutieren muss, wie ich sie selbst zu Nachrichtenzeit nicht parallel besprochen hätte. Warum wählen die Amerikaner Trump? (netter Gossip am Rande, das neueste Schimpfwort meiner Grossen an die Kleine ist : „du Trump!“), was ist Bipolar (Kim Kardashian, hatte zuvor erklärt, dass ihr Mann Kanye West, der ja sinnigerweise auch US Präsident werden will diese Störung hat), warum werden Schwarze in Amerika getötet, kann das bei uns auch passieren? Warum demonstrieren Menschen in Deutschland ohne Maske und rasten aus? Warum, warum, warum? So viele Fragen, auf die ich nicht immer eine Antwort habe.

Heute Morgen startete unser Tag damit, dass mir meine grosse Tochter auf ihrem Handy die Bilder aus Beirut zeigte. Sie ging wirklich ernsthaft davon aus, ich hätte diese noch nicht gesehen, weil sie die nur auf TIKTOK hätten. Manchmal macht mich dieser Wechsel aus Ernsthaftigkeit und Naivität völlig platt. Zum einhundertsten Mal erklärte ich Ihnen, dass es besser sei Nachrichten zu gucken, wenn sie wirklich wissen wollten, was dort passiert ist und danach mit uns zu sprechen. Das sei sicherer und besser erklärt, als wenn irgendwelche Videos gepostet werden in denen Glassplitter und Menschen durch die Gegend fliegen. Meine kleine Tochter war ganz still und fragte: „War das eine Atombombe?“ Was für eine Frage heute am Jahrestag von Hiroshima, es gäbe so viel dazu zu sagen, aber stattdessen sagt man: “ nein keine Atombombe, ich erkläre es euch später, jetzt hopp hopp in die Schule und Masken nicht vergessen…!“

Als beide weg waren, habe ich inmitten meiner zwei streitenden Katzen erst einmal einen Café getrunken und mich innerlich darin bestärkt, dass sie trotz all dieser Widrigkeiten dennoch glücklich werden dürften. Als ich in ihrem Alter war empfand ich die Welt auch als unsicher und als Bedrohung: Die Bäume starben (und sind heute immer noch da), die Angst vor einem Atomkrieg war da (er kam ein Sehe nicht),, es gab das Wettrüsten. Jede Generation musste mit grossen Ängsten kämpfen, vielleicht gehört das zum Grosswerden auch dazu. Nur hätte ich es mir für die Kinder ein wenig leichter gewünscht..

Aber kommen wir zurück zu diesem heutigen Tag und der ewigen medialen Frage: sollen die Kinder wieder zur Schule gehen?

Will man sich diese Frage aus psychologischer Sicht wirklich noch stellen?

Ja, ich finde die Kinder MÜSSEN zur Schule, denn es ist der Ort, wo sie ihre Freunde treffen, sich austauschen ( ohne TIKTOK). Bei aller Corona Gefahr können die Kinder nur dann ihre Sorgen loswerden, wenn sie auch noch andere Instanzen haben: Lehrer, Kinder, Sport. Diese Normalität gibt ihnen Halt für die Dinge in der Welt, die dennoch passieren, aber dann besser auszuhalten sind. Sie brauchen Religion und Kunst und Musik und Mathe, um ihre kleinen, vor Gedanken rauchenden Köpfe auf Dinge zu lenken, die sie ablenken. Sie wollen mit ihren Schulkameraden über Lehrer lästern und jung sein. Und ich werde das fördern so lange es geht und jeden Tag darum bitten, dass keine 2.Welle kommt.

Für morgen hat eine befreundete Mutter Tickets fürs Freibad besorgt. 32 Grad sollen es in Hamburg werden. Spontan dorthin gehen gibt es nicht mehr, aber was solls, dann machen wir es eben geplant. Meine Grosse geht zum Reiten und ich freue mich, dass beide einen weiteren „normalen“ Tag haben werden. Denn das ist es, was für die Kinder zählt und momentan gibt es kaum etwas Wichtigeres.

Mein Leben mit den Kardashians

Wenn ich schreibe, dass das Leben unter Corona wundersame Stilblüten treibt, dann ist das noch untertrieben. Dinge passieren, von denen ich nicht mal gedacht hätte, dass ich sie jemals hier zulassen würde. Seit Neuestem gucken meine gelangweilten Kinder gerne Fernsehen, das andere beobachtet. Zu dicke Menschen, die sich abmühen dünner zu werden, Stars, die verzweifelt versuchen zu kochen oder Stars, die im Dschungel Maden essen, um endlich wieder berühmt zu werden. Alles Sendungen, die auf meinem Index ganz oben stehen und die wegen erhöhter Corona Langeweile inzwischen erlaubt sind. Jahrelang dachte ich Yakari der kleine Indianerjunge könnte mich kaum noch mehr nerven oder Conni, ein kleines einfältiges Mädchen, die angeblich stellvertretend für die Probleme und Gefühle der Kinder stand. Mondbär, der mit seinen Freunden, die Gefahren im Wald bekämpft hat wurde von mir ebenso angeschaut, wie Soy Luna, eine Liebesschmonzette für Präpubertierende: Aber nun sind wir bei etwas angekommen, was ich -nie nie nie- schauen wollte und ich tue es dennoch (ich behaupte vor mir, dass ich so verhindern kann, dass die Kinder alles das glauben, weil ich es relativiere, aber im Grunde bin ich EKEL-fasziniert)

KEEPING UP WITH THE KARDASHIANS:

Wer es noch noch nicht kennt. Das ist eine Serie, die eine Familie in Amerika beobachtet, die im Grunde alles haben und sich beim Alles haben filmen lassen. Die Töchter haben wahlweise Poimplantate oder aufgespritzte Lippen, fliegen am Wochenende nach Vegas oder holen sich mal eben einen neuen Hund aus dem Tiergeschäft. Jede einzelne dieser Kardashian Schwestern ist inzwischen weltberühmt und sehr reich und selbst die Kleinsten (die Serie ist von 2008) sind heute Super Models und führen die Forbes Liste der reichsten Amerikaner an.

Es ist verrückt blöd, aber es ist faszinierend. Ich schäme mich es zuzugeben, aber Mondbär war auf die Dauer schwerer zu ertragen. Wir sitzen vor dem Fernseher und kommentieren das Geschehen dieser seltsamen Familie, die die Kameras sogar zum Schwangerschaftstest vor die Toilette mitnehmen und wundern uns und lästern und schalten dennoch nicht ab.

Immerhin sagt das eine oder das andere Kind ab und zu einen Satz wie: ich würde mich nie so operieren lassen. (bei Heidi Klum wollen sie zumindest NIE ihre Stimme haben). Aber sie finden den ganzen komischen amerikanischen Prunk dennoch toll. Protzig, peinlich und spannend. Dass der Vater der Kinder inzwischen Transgender ist und zur Frau wurde, wussten meine Kinder vor mir und überhaupt scheint es für diese jungen Menschen heute keinerlei Dinge zu geben von denen sie noch nicht gehört haben. Peinlich ist das jedenfalls alles nicht. Der Vater von drei Kindern ist jetzt eine Frau? Hey, warum nicht, ist doch easy. Was hätte mich das früher beschäftigt, heute ist es kaum eine Diskussion von 5 Minuten wert.

Wenn ich nach einer bis maximal 2 Folgen rufe: „jetzt ist Schluss“, sind meine Kinder ganz enttäuscht. Es ist als ob sie in ein sagenumwobenes Märchenreich hinabgestiegen wären aus dem sie nun wieder auftauchen und die raue Welt in unserem grauen, uninteressanten Hamburg mühevoll betrachten. Wir haben nur EIN Auto vor dem Haus? Keine Skandale zu Hause? Kein Patchwork? Ihre Mutter war nie ein Supermodel?

Eines Tages werden sie so froh sein, dass wir keine Kardashians sind, aber bis dahin träumen sie weiter davon ein Leben zwischen reichen Irren zu führen und damit berühmt zu werden. Und ich lese abends im Bett heimlich deutsche Erzähler des 19.Jahrhunderts und bin froh, dass die Kinder nicht wissen, wie altertümlich ihre Mutter eigentlich wirklich ist. Keine Kardashian, eher eine aus der Zeit Fontanes oder Balzacs oder noch dramatischer . Ist das schön!!!

Das Leben geht weiter, nur anders…

Geht Ihnen das eigentlich auch so? Da draussen laufen alle rum, als wäre nichts gewesen, nur man selbst ist noch nicht soweit. Wir wohnen in Hamburg an der Elbe, unweit vom Strand. Die Temperaturen sind sommerlich und Flüge nach Ibiza sind so etwas von unnötig, wenn man beobachtet, was sich am Elbstrand abspielt. Halbnackte Menschen tummeln sich zu Hunderten am Wasser, die Musik brüllt, einige tanzen, als ob es um ihr Leben geht und dazwischen sitzen Kinder im Matsch, Hunde stürzen sich in die Wellen und Menschen wie ich rennen so schnell wie nur möglich nach Hause.

War das immer schon so oder ist es ein Nachholen nach Corona? Aber halt! Corona ist doch noch gar nicht vorbei??In Paris haben sie gestern gerade mal die Aussenterassen wieder geöffnet nach 3 Monaten Lockdown, ich war seit Februar in keinem Restaurant essen und es fehlt mir auch nicht. Die Kinder gehen nach wie vor kaum zur Schule und mühen sich durch Homeschooling, Maskenpflicht und leere Klassenzimmer mit Pfeilen, die ihnen die Laufrichtung anzeigen. Nur da draussen findet ein ganz anderes Leben statt.

Als ich gestern mitten in einem wunderschönem Gewitter über diese Tatsachen sinnierte, fiel mir ein Artikel in die Hand, der mir in dem Moment mehr als nur Corona erklärte. Er erklärte mir mein kompliziertes Seelenleben in und um Corona, aber auch das der Menschen da draussen, denen es gar nicht voll genug sein kann.

Der Autor heisst Jonathan Rauch und sein Artikel „Caring for your Introvert“(mit der wunderbaren Unterzeile: „the Habits and needs for a little-unterstood group) ist so ziemlich das Beste, was ich seit langem gelesen habe. Er ist bereits vor 17 Jahren erschienen und hätte ich ihn damals schon gelesen, hätte ich wahrscheinliche das eine oder andere in meinem Leben aufrichtiger und selbstbewusster gestaltet.

https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2003/03/caring-for-your-introvert/302696/

Der Artikel handelt mehr oder weniger davon, dass unsere Welt in introvertierte und extrovertierte Menschen unterteilt ist. Bis gestern hätte ich mich ohne zu überlegen zu den Extrovertierten eingeordnet: ich mag Menschen, ich rede gerne, ich bin nicht schüchtern und ich liebe das Leben. Aber nun weiss ich es besser. Denn die Seiten, die wahrscheinlich nur mein Mann und einige wenige gute Freunde an mir kennen, werden dort so deutlich beschrieben, dass es schon fast schmerzt. „Introverts“ mögen Menschen, aber sie ermüden auch schnell von Gesprächen und Eindrücken..Extroverts dagegen gewinnen Energie durch die Treffen oder Gespräche mit anderen Menschen…

Vor mir sehe ich auf einmal mein Leben seit der Pubertät. Wie ich mich mühe, wie die „anderen“ zu sein, wie ich auf Parties auf die Uhr gucke, weil ich mich darauf freue bald alleine im Bett zu liegen, die Fenster zu öffnen und die Stille der Nacht hereinzulassen. Momente, in denen ich zweifele normal zu sein. Lustiger Teenager, sorglos, einfach mal die Saurauslassen. Jahre in denen ich von „oh ist sie arrogant“, „denkt sie, sie ist was Besseres?“ bis hin zu „Spassbremse, sei nicht so ernst“ und „verklemmt“ bezeichnet wurde. Wie ich nie auf Konzerte ging und stattdessen den nächsten See abends zum schwimmen ansteuerte.

Um es gleich einmal richtigzustellen, nichts spricht gegen einen tollen Abend mit Freunden oder Familie. Aber während bei den einen der Energielevel immer höher geht, geht meiner immer weiter runter. Es ist als ob ein Fass irgendwann voll ist und dann nehme ich nichts mehr auf. Ich brauche Unmengen von Zeit, um Gefühle und Gespräche zu verarbeiten und kann im Prinzip erst danach wieder von vorne anfangen. Zwei Mal am Wochenende ausgehen könnte ich nicht mehr und wenn ich es tue, falle ich danach oft in ein tiefes Loch. Aber auch wenn ich mich danach richte ist das Loch oft da, weil man immer wieder denkt, ich will doch da sein für die anderen, die die ich mag. Warum muss das jetzt so schwierig sein?

Mein Mann ist ein typischer „Extrovert“. Er liebt Menschen, Gespräche, Parties und würde am liebsten eine Reise an die nächste reihen. Als er mich kennenlernte, hätte er sich wohl nicht im Traum denken können, dass ich so sei, aber ich muss ihm hoch anrechnen, dass er inzwischen damit umgehen kann. Mit dem Tag der Geburt unserer Kinder (und auch schon davor) war in unserem Leben immer was los und ich möchte es nicht eine Minute missen. Aber mein Bedürfnis nach Einsamkeit ist immer da. Manchmal nehme ich mir einen Babysitter ohne auszugehen. Ich gehe in den Keller und geniesse die Ruhe. Manchmal sitze ich eine halbe Stunde im Auto, denn auch da ist es ruhig. Mein Handy stelle ich still und seit die Kinder grösser sind und mich nicht mehr dauernd brauchen, liebe ich es eine Siesta zu machen, bei der ich selten schlafe, aber noch viel öfter schweige und wach bin.

Warum ich das alles am Anfang im Zusammenhang mit Corona gesetzt habe? Corona hat mich stark an meine „introverts“ Grenzen gebracht. Seit Ende Februar war ich so gut wie nie allein, ausser Nachts, wenn ich manchmal auftstand, um das Gefühl auszukosten, dass es still war und niemand sprach. Der Druck, das Homeschooling und vieles mehr hinzubekommen war so gross, dass ich am liebsten nur noch geweint hätte. Was nicht ging, weil ich Kinder habe und leider die Altersgrenze schon länger überschritten habe, in der man sich so hängenlassen darf. Alle sprachen davon, wie eng man durch Corona zusammenwächst und es kommt nicht gut an, wenn man sagt, naja… ja und nein, ich würde gerne alle rausschmeissen und einfach nur träumen und Ruhe haben. Ich würde oder hätte gerne Radios ausgemacht, Computer aus dem Fenster geschmissen, den stetig laufenden Fernseher leise gestellt, insgesamt mal für Ruhe gesorgt. Aber wie es der Artikel von Mr Rauch schon sagt, Introverts haben einen schweren Stand in dieser Gesellschaft. Wir gelten als sonderlich, manchmal egoistisch und einfach nicht cool.

SO IST MAN NICHT.

Das Positive an Corona war, zu lernen, dass meine Familie das Wichtigste überhaupt ist. All die Treffen mit Freunden oder Bekannten, die vielen kleinen oder grossen Begegnungen, die mich oft aus meinem innerlichen Gleichgewicht schmeissen, sind gar nicht so nötig, wie ich gedacht habe. Alle haben sich auf sich konzentriert in dieser Zeit und ich denke bis auf die wirklich Einsamen, die Menschen, die niemanden haben und dringend Ansprache gebraucht hätten, hat es vielen von uns gut getan mal einen Gang runterzufahren. Und die Extroverts können jetzt wieder voll durchstarten, während wir anderen einfach im Corona Modus bleiben.

Meine Aufgabe lautet, etwas aus all dem zu lernen. Jeder Tag braucht mindestens eine Stunde oder mehr Stille. Nur dann kann ich für alle so dasein, wie ich das gerne möchte. Ich meditiere wieder, weil einen das wirklich zwingt, alles stehen und liegenzulassen. Ich denke darüber nach, mich nicht so uncool und komisch zu finden, wie ich das in den vergangenen Jahren oft getan habe. Mit fast 50 sollte das möglich sein. Und: ich halte mich an den Schluss des Artikels, in dem es zwar darum geht wie die anderen einen behandeln sollen, ich das aber genauso für mich selbst anwenden kann…. Darin schreibt der Autor:

Wie unterstütze ich einen introvertierten Menschen in meinem Leben und respektiere ihn? „Als erstes erkenne, dass es keine WAHL ist und auch kein LEBENSSTIL, sonder eine ORIENTIERUNG, also etwas innerliches.“

Zweitens: wenn du einem Introvertierten begegnest, der in Gedanken verloren ist, frag ihn nicht: „Hey, was ist los? Oder bist du ok?“

und drittens: „sag am besten gar nichts mehr.“

Der letzte Satz war das Allerbeste. Denn nichts ist so schön, wie keine Erklärungen abgeben. In diesem Sinne, einen schönen, ruhigen Tag allen Gleichfühlenden da draussen. Und allen anderen: Seid froh, dass ihr extrovertiert seid. Ihr seid auf jeden Fall diejenigen, die von der Welt besser verstanden werden.

Deconfinement – oder wie wir uns nicht langsam, sondern sehr schnell wieder öffnen..

9 Wochen habe ich aufgepasst: Und wenn ich aufgepasst sage, dann meine ich wirklich aufgepasst: Hier lagen stets Handschuhe bereit, die Masken wurden abends gewaschen und hingen morgens trocken an der Tür, damit sich jeder eine nehmen konnte. Wir haben niemanden umarmt, niemanden angefasst, niemanden in unser Haus gelassen. Aber wenn ich die Bilder der vergangenen Tage in den Nachrichten sehe, frage ich mich, ob sich das alles wirklich gelohnt hat. Kaum öffneten die Geschäfte wieder und Menschen durften raus, scheint für so viele vergessen zu sein, um wen oder was es wirklich ging: um den Schutz: Der Alten, der Gefährdeten und eventuell auch um unseren. Auf der Hamburger Alster tummelten sich Menschen, die sich zu 8. auf Tretbooten stapelten, am Münchner Marienplatz wurde demonstriert, mit Kindern im Arm, vielfach ohne Maske. Ist das alles, was wir daraus gelernt haben?

Sehe Sie auch nur EINE Maske? Ich finde das völlig daneben…

Gute Freunde von uns leben in Singapur. Singapur traf die erste Welle schon viel früher. Wir bekamen mit, wie Kinder desinfiziert wurden und bei den Menschen dort vor den Büros und Schulen und Einkaufszentren Fieber gemessen wurde. Die Zahlen fielen und dann stiegen sie wieder nachdem dort alles wieder seinen normalen Gang genommen hatte. Nun ist Singapur bis zum 1.Juni im Lockdown und zwar so hart und streng wie in Frankreich zuvor. Das Haus darf man nur kurz verlassen, nichts geht mehr. Wollen wir das auch? Ich jedenfalls nicht.

Mir tun meine Kinder leid, die endlich wieder zur Schule wollen. Meine Mutter, meine Schwiegereltern, die Lust haben sich wieder mit Freunden und Familie zu treffen. Meine Schwester, die zurück nach Tansania will. Das alles ist noch so fragil, das man Angst hat, es könnte jede Minute in sich zusammenbrechen.

Meine grosse Tochter ging heute das erste Mal nach 2 1/2 Monaten wieder zur Schule. Zu einer Doppelstunde Deutsch. Morgen hat sie Englisch. Übermorgen Mathe. Viel mehr lässt sich nicht organisieren für eine Schule in der es allein 5 sechste Klassen à 28 Schülern gibt, plus die 10. und 11. Klassen.

Mit meiner kleinen Tochter kämpfe ich mich weiter durch das Homeschooling, jeden Tag etwas weniger engagiert. Ich frage mich wieviel Stoff ihr nächstes Jahr fehlen wird und wer darauf Rücksicht nehmen wird, wenn sie die Vokabeln nicht kann, die Grammatik nicht verstanden hat oder Flächeninhalte nicht berechnen kann?Nachts liege ich oft wach und mache mir Sorgen. Die Kinder sind die wirklich Leidtragenden in Zukunft.

Heute darf V. zum ersten Mal seit Februar in ihre Tennisstunde. Ich bin gespannt, wie sie es finden wird. Die Vorgaben sind sehr klar: Die Kinder werden Handschuhe tragen, es gilt Maskenpflicht, die Halle darf nicht betreten werden. Missachten sie eine dieser Regeln, dann dürfen sie nicht mehr trainieren. Ich bin gespannt, ob das klappt und wie sich das anfühlt. Die Kinder spielen ja auch Tennis, um ihre Freunde zu sehen, um Spass zu haben, um sich frei zu fühlen. Es ist kein REINER Sport, sondern viel mehr.

An die Masken gewöhnen wir uns ohnehin alle nur schwer. Neulich stand ich telefonierend im Supermarkt, als ich dachte, ich werde ohnmächtig. Sprechen, atmen und Maske geht nicht. Auch seine Essensauswahl sollte man bedenken. Nach einer Riesenportion Spagetti Aglio Olio hat es mich vor ein paar Tagen beinahe in die Knie gezwungen, weil ich meinen eigenen Mundgeruch ertragen musste. Knoblauch ist erstmal vom Speiseplan gestrichen. Vielleicht abends, aber auf keinen Fall Mittags, wenn ich noch einmal rausmuss.

Die lustigen Videos haben aufgehört. Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Niemand schickt mehr eines. Das Toilettenpapier ist nicht mehr ausverkauft, Trockenhefe ist wieder im Angebot, nur die Schlangen vor den Geschäften sind geblieben. Mein armer Mann hatte am Sonntag mal wieder mit dem Doppel Muttertagsproblem zu kämpfen. Obwohl er eigentlich nur eine Mutter hat, muss er seit der Geburt der Kinder Muttertags immer hinaus und 2 Blumensträusse ergattern, bislang haben unsere Töchter das noch nicht geschafft, obwohl ich ihnen Jahr für Jahr erzähle, dass ich NICHT Papas Mutter bin. Diesen Sonntag jedenfalls führte sein Weg durch die Stadt vorbei an Blumenläden mit Schlangen, Bäckereien mit Schlangen und als er endlich von seiner Mutter (immerhin dort, keine Schlange 🙂 und all diesen Schlangen zurück war, sah er so erschöpft aus, dass wir eigentlich Vatertag hätten feiern sollen. Meine grosse Tochter hatte mich auch an diesem Tag nur mit dem Handy im Gesicht kurz und knapp begrüsst und mich daran erinnert, dass ich ja immer gesagt hätte, Muttertag sei nicht so wichtig. Die Kleine hatte eine Riesentorte gebacken. Allerdings schon Tage vorher und auch eher zu ihrem Spass. Aber wie war das nochmal mit dem Mutter sein? Ego abgeben und Klappe halten, dann läuft es am besten. Und ich habe ja immer noch meinen Mann, den ich bemuttern kann..

der wunderschöne Blumenstrauss meines Mannes (offiziell der meiner Töchter)
Stolze Tochter, Tage vorher mit Torte

Hilfe!!!Ich leide an Gehirnverlust….

Heute vor 8 Wochen war ich noch ein anderer Mensch; ich will nicht unbedingt behaupten, dass ich intelligenter oder viel klüger war, aber in jedem Fall war ich Herr meiner Sinne. Dann kam dieses Corona Ding und von Woche zu Woche passierten mehr seltsame Dinge. Ich verlege viel und finde es nicht mehr, obwohl ich das Haus kaum verlasse, mir fallen Namen nicht mehr ein. Wochentage sind längst Makulatur, für wen oder was ist es schon wichtig, ob heute Dienstag oder Donnerstag ist? Homeschooling ist mein letzter verhasster Pfeiler, der mich an Abgabetermine erinnert, aber auch da lernen wir jeden Tag, so dass die die Idee eines WochenENDES auch vorbei ist. Es fühlt sich an wie ein langer, zäher Fluss. Kein Gebirgsbach, sondern ein schlammiger Fluss, der jeden Tag etwas dreckiger und tümpeliger wird. Die Kinder wachzukriegen ist inzwischen ein Ding der Unmöglichkeit, Nachts hört man gegen 1 Uhr 30 Kinderfüsse Richtung Küche wandern – auf der Suche nach einer weiteren Mahlzeit – und dazwischen das Miauen unseres Katers, der verwirrt bis verärgert darauf reagiert, dass es hier keine klaren Abläufe mehr gibt. Inzwischen weiss ich, dass ich mit meinem Hass auf das Homeschooling nicht alleine bin, ich habe unzählige Blogs dazu gelesen und bin am Ende dennoch alleine mit dem Gefühl, dass die Kinder schrecklich viel Stoff verpassen, weil wir zwar Arbeitsblätter ohne Ende abarbeiten, aber wenn ich sie etwas dazu frage, nicht viel hängenbleibt. Wer gerne Blogs liest dem sei dennoch dieser empfohlen:

https://www.stadtlandmama.de

Mein persönlicher Lieblingsblog, da sie immer das schreiben, was ich kurz zuvor gedacht, aber noch nicht zu Papier gebracht habe.

Aber zurück zu meinen einleitenden Gedanken…Heute Morgen hat diese oben erwähnte Verwirrung einen neuen Höhepunkt gefunden, als ich – ganz Frau Holle- die Betten lüften wollte und erstmal das ganze Bettzeug tief herunter in den Garten geworfen habe. Da stand ich nun und wunderte mich wie schön unsere Bettdecke auf dem Lavendel aussah. Auf dem Weg Richtung Garten nahm ich ein paar Schüsselchen und alte Tassen mit, von denen ich nicht mehr wusste, wie lange sie wohl schon bei den Kindern gestanden hatten, die aber zumindest noch keinen Schimmel angesetzt hatten und überlegte, ob man nicht noch mehr parallel mitnehmen konnte, als ich auch schon den Wäschesack unterm Arm hatte. Unten angekommen passierte, was passieren musste: ein Glas, das quer über dem Wäschesack an meinen Fingern hing, kippte aus und floss über den Teppich. Ich liess alles fallen, wischte schnell alles zusammen und rief meiner Tochter etwas zu, die mir im selben Moment die Treppe herunterfiel. In meiner Bemühung das Kind zu retten, lief ich in die noch nasse Pfütze und rutsche mit voller Geschwindigkeit aus. Verzweifelt drückte ich meinen inneren Reset Knopf und sagte dem Kind, dass wir uns nun erstmal einen Kakao und einen Café machen würden, auf den Schreck. Und ehe ich mich versah, kippte ich das Kakaopulver in den Café und gab meiner Tochter eine warme Milch. Tja, das war der Anfang dieses wunderbaren Tages. Ich bin ein bisschen in Sorge wie es weitergeht und so läuft es Tag für Tag und wird immer schlimmer. Vielleicht muss ich eine Art Wiedereingliederungskurs in die Gesellschaft buchen – nach Corona. Leicht wird es auf jeden Fall nicht.

Gut bin ich seit Corona nur im Kochen, Serien gucken, Garten machen. Manchmal auch Spazierengehen.

Alles andere läuft mittelmässig.

Naja wobei ich auf die Pluspunkteliste setzen könnte, dass ich gestern erstmals seit Mitte Februar wieder Tennisspielen durfte. Wir haben Pfeile wie wir den Platz betreten dürfen und wo wir heruntergehen, eine kleine Choreopgraphie gewissermassen. Handschuhe und Mundschutz sind Pflicht und insgesamt ist das ganze ziemlich schwierig, aber mir hat es dennoch gutgetan endlich mal etwas zu tun, was mich wachgerüttelt hat. Wobei das ja offenbar nicht lange angedauert hat, wenn man den heutigen Morgen betrachtet.

Eine kleine Geschichte noch zum Schluss : in Frankreich haben sie eine Umfrage gemacht, wie viele Paare eine zweite Corona Welle nochmal so gemeinsam erleben würden. Ich meine die Frage an sich ist ja schon komisch ( und wurde vielleicht im Original, das mir nicht vorliegt, etwas anders gestellt), aber entscheidend ist die Antwort:

12 % würden es nicht nochmal mit dem selben Partner machen.

Das lasse ich jetzt mal so stehen und will nur so viel sagen, bei uns ist es zum Glück besser gelaufen. Ich habe zwar keinen Gesprächsstoff mehr und bin geistig verwirrt, aber mein Ehemann scheint mich dennoch noch zu mögen. Und ich ihn auch. Darüber kann man sich ja auch freuen.