Dank Corona zeigt die Waage neue Rekorde

Heute Morgen war ein schwieriger Morgen. Nicht nur, dass die Stimmung bei uns allen im Keller war, weil man nach fast 2 Wochen Isolation so langsam einen Lagerkoller bekommt; nein es war auch dieser Moment beim Zähneputzen, als mir klarwurde wie lange ich keinen Sport mehr gemacht habe. Während ich also in langen kreisenden Bewegungen mein Zahnfleisch massierte, umkreiste ich in ebenso langsamen Bewegungen die Waage. Irgendwie war mir klar, dass das Ergebnis mich nicht begeistern würde, aber am Ende stieg ich mutig drauf und fiel fast runter.

3 Kilo mehr, ein bisschen was davon sicherlich schon in den Märzferien in Südfrankreich angefuttert, aber da diese nahtlos in die Corona Quarantäne übergegangen sind ,war da nichts mehr zu retten. So und da stehe ich nun mit diesen Virus Kilos und weiss, es wird nicht besser. Ich meine, wie machen Sie das? Meditieren Sie sich die Leere weg, lesen Sie alte Klassiker und machen brav Gymnastikübungen vorm Fernseher oder joggen Sie Treppen rauf und runter?? Seitdem mein Fitnesscenter zu hat und der Tennisplatz gesperrt ist, habe ich endlich Gründe nichts mehr zu tun.

Hübsch aufgehängt und nett anzusehen: Das nie durchgeführte Sportprogramm

In mir hat Corona das Schlechteste vom Schlechtesten hervorgebracht. Mein Schweinehund und ich leben in einer gemütlichen WG und überlegen uns alle 30 Minuten, wie man mich noch glücklicher machen könnte. Ein Pudding auf dem Sofa? Eine Schokolade, während ich mich durch den Lernstoff der Kinder quäle? Oder ein fettes Sandwich mit Ei und Schinken und Remoulade (lecker!!!). Auf sozialen Netzwerken sehe ich, wie Menschen die Ergebnisse ihrer perfekten veganen Ernährung posten und überhaupt insgesamt nur zu besseren Menschen werden während dieser Krise. Klar, jetzt wo man so viel Zeit hat, ist es doch herrlich Gemüse zu schnippeln und endlich einmal das vegetarische Kochbuch auszuprobieren. In der Theorie sehe ich das auch so – in der Praxis setze ich das bei 2 Mahlzeiten pro Woche um, den Rest der Zeit habe ich Hunger, möchte ein Loch in meinem Magen und meiner Seele stopfen gegen die schlechten Nachrichten aus Italien und Spanien, gegen das Alleinsein gegen die blöde Schularbeit. Mein natürliches Phlegma gegen das ich seit 48 Jahren mühsam ankämpfe klatscht täglich erfreut in die Hände: Endlich ruht sich Caroline aus und hetzt nicht durch die Liste ihrer hohen Ansprüche. Mein Phlegma weiss allerdings nicht, dass das nicht gesund ist, was ich mache und das mein schlechtes Gewissen täglich grösser wird.

Foodblogs sind meine neue Zeitung. Keine schlechten Nachrichten. Bunte, schöne Bilder, der Magen knurrt schon, wenn ich mir die Fotos angucke. Und ich bin ja nicht allein damit. Meine Freunde und ich haben kaum noch Gesprächsstoff. Wir erleben ja auch nichts mehr. Also sprechen wir im schlimmsten Fall über die Entwicklungen der Pandemie und im besten Fall über unsere verschiedenen Mahlzeiten. Man tauscht sich aus, beichtet sich Sünden („gestern Abend 4!Hanuta und eine Tüte Chips..Was du auch?“) und inspiriert sich dazu mehr zu essen, denn das hält ja bekanntlich Leib und Seele zusammen.

Gestern Abend war ich mit meinem Mann spazieren und versuchte vergeblich endlich mal wieder auf 10.tausend Schritte am Tag zu kommen (derzeitiger Schnitt: 200). Als wir schon auf dem Rückweg von der Elbe nach Hause waren kamen wir an unserem benachbarten Glascontainer vorbei und staunten: Offenbar waren wir mit unseren Lastern doch nicht allein: Der Container quoll über von Flaschen und um es noch deutlicher zusagen, es waren KEINE Wasser oder Limonadenflaschen. Also gibt es wohl doch nicht nur Alkoholabstinente Veganer da draussen. Ich bin beruhigt und trinke trotz weiterer Kalorien jetzt erst einmal ein Glas Wein.

Huch was haben unsere Nachbarn denn gemacht?
Hübscher Anblick

Corona, ich brauche Ferien…

Gab es diesen Moment wirklich einmal, als die Kinder und ich aufschrien: „Schulfrei, juchhuuuuu!!!“? Heute würde keiner von uns mehr jubeln, wir haben das „Homeschooling“ so satt. Normalerweise blühen ja im Internet schnell irgendwelche Verschwörungstheorien auf. Rund um den Corona Virus gibt es einige. Aber ist eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen, dass es eine Verschwörung der Lehrerschaft sein könnte, die uns maximal ehrgeizige Elterngeneration auf den Pott setzen will, um zu sagen: SO IST DAS MIT DEM UNTERRICHTEN. BEVOR IHR UNS NOCH EINMAL KRITISIERT, MACHT ES SELBER. IHR SEID DRAN, IHR BLÖDEN HELIKOPTERMENSCHEN .. Ich muss mich mal herumfragend, was meine Freundinnen von dieser Theorie halten, aber leider ist niemand erreichbar. Alle meine Freundinnen arbeiten jetzt als Aushilfslehrerinnen fulltime. Unsere Pläne, die Fenster zu putzen, Ablage zu machen oder endlich mal den Zaun zu kärchern sind unter einem Berg von Lernmaterialien begraben worden. Morgens werde ich schon wach und denke, nein ich will heute kein Mathe machen und nein ich möchte auch nicht 18 Seiten im Deutsch Arbeitsheft mit meiner Tochter durcharbeiten. Noch weniger möchte ich landwirtschaftliche Nutzflächen vergleichen. (Zitat ich an Tochter: “ also äh da rund um Düsseldorf scheint es viele Kühe zu geben und in Schleswig Holstein auch ..“) Jeden Morgen, wenn wir eine Sache abgearbeitet haben, warten im Schulserver mindestens 3 neue Arbeitsaufträge, jeder davon lang und unerschöpflich. Kann denn jetzt mal einer STOP rufen? Gibt es da draussen wirklich so viele Kinder, die das ohne Meckern und Probleme machen? Heute ging per Whats app ein angebliches Schreiben der französischen Kulturbehörde herum: Sehr wahrscheinlich hat es eine verzweifelte Mutter geschrieben, die sich anders nicht traut zu sagen, dass es reicht, aber für alle, die den Text noch nicht kennen kommt er hier:

Schreiben des französischen Bildungsministeriums an alle Eltern :

Liebe Eltern mit schulpflichtigen Kindern

Möglicherweise neigen Sie dazu, einen minutengenauen Zeitplan für Ihre Kinder zu erstellen. Sie haben große Hoffnungen auf stundenlanges Lernen, einschließlich Online-Aktivitäten, wissenschaftlichen Experimenten und Buchberichten. Sie beschränken die Technologie, bis alles erledigt ist! Aber hier ist die Sache …

Unsere Kinder haben genauso viel Angst wie wir jetzt. Unsere Kinder können nicht nur alles hören, was um sie herum vor sich geht, sondern sie spüren auch unsere ständige Spannung und Angst. Sie haben so etwas noch nie erlebt. Obwohl die Idee, 4 Wochen lang nicht zur Schule zu gehen, großartig klingt, stellen sie sich wahrscheinlich eine lustige Zeit wie Sommerferien vor, nicht die Realität, zu Hause gefangen zu sein und ihre Freunde nicht zu sehen.

In den nächsten Wochen werden die Verhaltensprobleme Ihrer Kinder zunehmen. Ob es Angst, Wut oder Protest ist, dass sie die Dinge nicht normal machen können – es wird passieren. Sie werden in den kommenden Wochen weitere Anfälle, Wutanfälle und oppositionelle Verhaltensweisen sehen. Dies ist normal und wird unter diesen Umständen erwartet.

Was Kinder jetzt brauchen, ist sich wohl und geliebt zu fühlen. Fühlen, dass alles gut wird. Und das könnte bedeuten, dass Sie Ihren Zeitplan auseinander reißen und Ihre Kinder ein bisschen mehr lieben müssen. Kekse backen und Bilder malen. Spielen Sie Brettspiele und schauen Sie sich Filme an. Machen Sie gemeinsam ein wissenschaftliches Experiment oder finden Sie virtuelle Ausflüge in den Zoo. Starten Sie ein Buch und lesen Sie gemeinsam als Familie. Kuscheln Sie sich unter warme Decken und tun Sie nichts.

Machen Sie sich keine Sorgen, dass sie in der Schule rückwärts gehen. Jedes Kind ist in diesem Boot und alles wird gut. Wenn wir wieder im Unterricht sind, werden wir alle den Kurs korrigieren und sie dort treffen, wo sie sind. Lehrer sind Fachexperten! Wähle keine Kämpfe mit deinen Kindern, weil sie nicht rechnen wollen. Schreien Sie Ihre Kinder nicht an, dem Programm nicht zu folgen. Setzen Sie keine 2 Stunden Lernzeit ein, wenn sie sich dagegen wehren.

Wenn ich Ihnen eines überlassen kann, dann ist es das Folgende: Am Ende wird die psychische Gesundheit unserer Kinder wichtiger sein als ihre akademischen Fähigkeiten. Und was sie in dieser Zeit fühlten, wird ihnen noch lange erhalten bleiben, nachdem die Erinnerung an das, was sie in diesen vier Wochen getan haben, längst verschwunden ist. Denken Sie jeden Tag daran.

Bleibt sicher.

………….

Nach dieser Email musste ich erst einmal eine grosse Tasse Tee trinken und schlucken. Entweder ist die Verfasserin Psychologin und auf verzweifelte deutsche Mütter spezialisiert oder die Franzosen sind uns in allem weit vorraus. Dagegen spricht, dass das französische Schulsystem immer noch auf soldatisches Auswendiglernen setzt, wir werden es also nicht herausfinden.

Auf jeden Fall ist das Thema Druck wieder da. Wir wollten ja diese Corona Krise, wie wir sie nennen, als Chance sehen: Mal den Druck rausnehmen, an die denken, denen es schlechter geht. Sich bei denen melden, die einsam sind. In der Theorie ist das schön, in der Praxis schrieb gestern die Hamburger Oma im Whats app Chat, was denn ihre Enkelkinder so machen (Übersetzt heisst das: warum meldet sich nie einer..?) und während drei gar nicht zurückschrieben und in einem Fall nur die Schwiegertochter (ich), schrieb zumindest eine Enkeltochter, wie sehr sie unter Wasser sei mit der Schule. In Hamburg scheint seit Ausbruch von Corona die Sonne. Nicht EIN wolkenverhangener Tag und wir sitzen drinnen und arbeiten- stundenlang. Verrückt. Wahrscheinlich erkennen wir das Ende der Pandemie daran, dass der Regen wieder einsetzt.

Unsere Babysitterin, meine Mutter, meine Schwester, alles Menschen, die momentan allein oder fast alleine in ihren Wohnungen sitzen und denen die Tage endlos einsam erscheinen müssen. Und gleichzeitig tobt in Kinderhaushalten der Lernstress. Irgendwas läuft schief.

Schön war diese Woche die überwältigende Resonanz zu meiner Sehnsucht nach Blumen. Montag unterstützte ich meinen örtlichen Blumenhändler und bestellte mir einen Osterstrauss, weil ich ohne Blumen nicht in Quarantäne leben wollte. Dienstag stand Blume 2000 vor der Tür, weil meine geliebte Mutter den Ruf gehört hatte und mir wunderbare Tulpen aus München (also nicht die Tulpen aus München, sonder sie in München) schickte. Heute stand wieder eine ziemlich verschreckte Blumenkurierin vor meiner Tür, die sehr viel Sicherheitsabstand hielt und mir die Blumen beinahe hinwarf. Ich war mir sicher, dass es sich um eine Verwechslung handeln musste, aber nein sie waren auch für mich. Eine meiner ältesten Freundinnen bedankte sich auf dem Weg für die von mir gelieferte heissbegehrte Masken, die sie so dringend braucht, wenn sie zu einer Krankheitstherapie muss. Nun habe ich – glaube ich genug Blumen.

Einer von dreien…
Nummer 2

Nicht alles ist schlecht, also ausser dem Thema Schule, sonst schlagen wir uns ganz gut. Die Kinder haben sich im Garten einen Hindernis Parcours aufgebaut, mit dem sie ihr „Cardio“ Programm bewältigen.

Ab und zu spielt jemand mit mir Tischtennis und gestern Abend haben wir sogar mit einem Freund im Garten ein Bier getrunken. Er an der einen Seite der Tischtennisplatte und wir an der anderen. Toll war das, richtig gut.

Wie darf man sich das vorstellen, ein Star unter Quarantäne??

..Diese Frage, die ich mit Absicht für meine Überschrift gewählt habe, hat mich jüngst einfach umgehauen. Bei all den Problemen, die die Welt derzeit zu bewältigen hat, fragt eine junge Online Reporterin, der ich ihre Intelligenz gar nicht absprechen will einen anderen Reporter DAS. Es ging um den ewigen Oliver Pocher, von dem man immer schon genug hat bevor er redet, weil es im Prinzip KEIN Thema gibt, was er nicht bedient. Selbst wenn seine Frau kein Corona bekommen hätte, bin ich sicher, dass er sich in Quarantäne begeben hätte, um daraus ein neues Format zu entwickeln. Und es dauerte keine 4 Tage da sah ich ihn schon zusammen mit Gottschalk und Jauch auf RTL in der Quarantäne WG. Wer guckt sich so etwas bitte an? Sind das die, die die Frage der Reporterin gerne beantwortet hätten? Ein Star unter Quarantäne, das ist selbstverständlich ganz anders als bei uns. Er wacht anders auf, hustet anders und selbst sein Fieber scheint irgendwie schillernder zu sein. Gut, dass wir darüber informiert werden, wie man sich das vorzustellen hat. Was lobe ich da meinen fast täglichen kanadischen Premier, Trudeau der vor seinem verschneiten Haus (in dem seine Frau krank ist) seine Reden an die Nation hält, in einer Ruhe und Freundlichkeit und vor allem Gelassenheit, dass man diese Videos vielleicht mal der jungen Reporterin vorspielen sollte.

Egal, was immer die Stars auch machen, unser Leben ist aus den Fugen. Gerade eben meldet einer dieser vielen vielen Eildienste, dass Japan die Olympischen Spiele verschiebt. Ich spüre so etwas wie einen historischen Moment. Die EM war schon hart, aber Olympische Spiele verschieben? Das hat es glaube ich noch nie gegeben. Corona schafft es alles zu verändern.

Jeden Tag gibt irgendein Virologe, Psychologe, Wirtschaftsweiser oder sonstiger neue Prognosen heraus und je nach Stimmungslage sind sie alarmierend oder beruhigend. Gestern habe ich eine Weile über der Perspektive gebrütet, dass in Zukunft häusliche Gewalt zunehmen soll. Der Mensch ist nicht gemacht für zu viel Zeit in den vier Wänden und meine Familie und ich können uns glücklich schätzen, dass wir Platz in Haus UND Garten haben. Selbst wenn wir uns mal auf die Nerven gehen, ist genug Platz da, um sich auszuweichen. Über dieses Thema häusliche Gewalt werden wir – je länger die Quarantäne noch dauert- noch viel hören, fürchte ich. Leider. Ebenso wahrscheinlich wie über Menschen, die im Supermarkt aggressiv werden.

Eine Freundin war neulich einkaufen und sagte mir, sie hätte ein Problem damit Toilettenpapier zu kaufen. Zu viele Witze wurden bereits darüber gemacht, zu viel darüber geredet wie viel einem davon zusteht. Als sie vor dem Regal stand schämte sie sich fast, eine Rolle mit den üblichen 8 Stück zu nehmen. Neben ihr packte ein Mann und sein Sohn – fast schon schamlos – 2 Rollen ein und wurde erwischt. Der Supermarktleiter wies beide scharf darauf hin, dass dies nicht erlaubt sei. Als meine Freundin wenig später zur Kasse ging sah sie, dass sich Vater und Sohn von da an aufgeteilt hatten. Jeder hatte nun jeweils einen Einkaufswagen mit einer Rolle Toilettenpapier darin. Für die einen gelten Regeln und für die anderen nicht.

Zwei Tipps möchte ich noch gerne weitergeben: Erstens sendet der NDR seit Montag immer um 16 Uhr Nachmittags live aus den Wohnzimmern bekannter Kinderbuchautoren Lesungen. Das ist wirklich eine schöne Idee für Kinder, die nicht immer oder zu oft am Handy sein sollten.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/sendungen/mikado/Live-Stream-Autoren-lesen-fuer-Kinder,livegelesen100.html

Und zweitens sah ich heute im Hamburger Abendblatt folgenden Hinweis, den ich auch mehr als wichtig finde. Die Stiftung Kinderjahre hat in Zusammenarbeit mit dem Diplom Psychologen Michael Thiel einen Podcast zur Coronakrise aufgelegt. Er befasst sich auf „liebevoll und dennoch witzige Weise damit, wie Kinder mit dem Thema klarkommen können, „sagte Hannelore Ly, die Vorsitzende des Vorstands.

https://manfred.podigee.io/1-folge-1-corona

Es gibt jeden Tag so viele tolle, neue Ideen. Es ist fast so als ob die Krise die Menschen zu mehr Kreativität anfeuern würde. In unserer Strasse wird gesungen und musiziert, junge Menschen helfen älteren Leuten. Geschäfte, die schliessen mussten, bieten nun Lieferungen an, Konzerte werden online übertragen und überall herrscht das Prinzip, wenn nicht so dann vielleicht anders. Das Leben hat sich zwar verengt, aber auf eine Weise vergrössert es sich auch gerade. Das ist beeindruckend.

Zum Schluss noch dieses Zitat, das ich heute gefunden habe – und wie ich finde – gut in unsere Zeit passt:

„Tout le malheur des hommes vient d’une seule chose, qui est de ne savoir pas demeurer en repos, dans une chambre.!

“ Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“

Blaise Pascal ( 1623-1662), französischer Mathematiker, Physiker, Literat und Philosoph.

In diesem Sinne, noch einen schönen Tag und bleibt gesund.

Corona Woche 2 (zumindest aus schulischer Sicht)

Irgendwie gewöhnt man sich allmählich an so eine Art Corona Routine. Wir stehen etwas zu spät auf, sind weniger gestresst als sonst, aber deutlich weniger diszipliniert. Ich esse zu viel, weil mir das am meisten Freude macht und lese mehr als sonst, was mich ebenso glücklich macht.

Der Sonntag verlief ruhig bei uns, ich startete den Tag mit frischen Waffeln, etwas, was ich noch nie gemacht habe und setzte mich danach hochzufrieden über den gemütlichen Geruch im Haus in die Sonne, um zu lesen.

Manchmal ertappe ich mich dabei, wie sehr ich diese erzwungene Isolation geniesse. Wir haben lange, ruhige Tage, so wie ich das aus meiner Kindheit kannte und seitdem so oft vermisst habe. Wir müssen nicht hierhin und nicht dorthin und müssen eigentlich gar nichts ausser wir tun es. Gestern schrieb eine Klassenlehrerinnen der Kinder eine wunderbare Email, in der sie daran erinnerte, wie schwierig diese ganze Situation auch für unsere Kinder ist. Ich fand es schön, dass mal jemand keinen Druck machte, sondern im Gegenteil das in etwa so formulierte: Die Verunsicherung sei gross und weder die Kinder noch wir könnten jetzt zusätzlichen Druck von Seiten der Schule gebrauchen. Insofern sei es vollkommen in Ordnung , wenn nur das erledigt würde, was möglich sei. Und sie schloss damit zusagen, dass das Wichtigste sei, dass alle gesund blieben und zu Hause eine gute Stimmung herrsche…

Geht das nur mir so oder freut uns das nicht alle, dass es einmal nicht nur um Ergebnisse, sondern um Menschlichkeit und Verständnis füreinander geht? Ich bin sehr glücklich über diese Mail und habe mich heute bei der anstrengenden Bearbeitung landwirtschaftlicher Nutzflächen in Deutschland (GEO 5.Klasse) deutlich mit meinem Ehrgeiz zurückgenommen. Und siehe da, dem Kind hat mein Unterricht mehr Spass gemacht als sonst.

Wir haben unseren Keller derzeit als Fitnesszone umfunktioniert. Jeder darf mal aufs TrimmdichRad und unsere alte Rudermaschine, die bislang als Garderobenhalter für meine Flohmarkt Klamotten gedient hat. Die Kinder gehen lieber in den Keller als nach draussen, was ich bedenklich finde, aber auch verständlich. Sie sehen sich danach mit ANDEREN zu spielen, wenn das nicht geht, bleiben sie lieber gleich drinnen.

Gestern Vormittag standen auf einmal meine Schwiegereltern vor der Tür. Oder sollte man besser sagen am Zaun? Es war das erste Mal seit Ausbruch der Pandemie, dass wir uns SAHEN, denn mehr war es auch nicht. Sie standen 5 Meter von uns entfernt und wir alle freuten uns darüber einander zu sehen. Das Leben wird immer seltsamer.

Dennoch haben wir uns von beiden etwas abgeguckt und besuchten am Nachmittag Freunde, denen wir auf Entfernung zuwinken wollten, weil sie uns fehlten. Das Wetter war ein Traum und so beschlossen wir im Wald spazierenzugehen. Immer wenn einer dem anderen zu nahe kam, rief ein anderer: Halt! zu nahe! Das war schon wieder Komik pur. Aber was soll man machen, wenn man doch das Bedürfnis hat sich auszutauschen. Ab heute dürfen wir ja nur noch zu zweit raus. Wir haben uns schon gefragt, wie das wohl wird, wenn wir im Wald durch Zufall Freunde treffen und zu viert sind. Würde eine Polizei-kontrolle uns dann eine Strafe aufbrummen oder müssten wir uns nur schnell wieder in 2 er Gruppen zerteilen. Rechengesetze in Corona Zeiten.

fast 2 Meter Abstand, wir haben gut aufgepasst

Ein paar schöne Clips habe ich heute noch in den Zeitungen gefunden: Extrem gut laufen im Gegensatz zu fast allen anderen Wirtschaftszweigen jetzt die Autokinos. Gibt es leider fast nur noch in Amerika, aber vielleicht sollten wir das wieder ausbauen. Überhaupt bietet so ein Auto ja in höchstem Masse Virenschutz. Man könnte Drive Inns ausbauen für Supermärkte, Modeläden und vieles mehr. Vorher online kaufen und alles abholen, dann würden evtl. nicht so viele Läden schliessen müssen.

Ebenso Drive in und natürlich auch in Amerika kann man jetzt draussen beichten gehen. Der Priester (so gesehen gestern in der Bild am Sonntag) sitzt an einer Raststätte draussen, das Áuto fährt heran und um die Anonymität zu wahren, trägt der Priester eine Schlafmaske. Skurril.

So, Montag Morgen bedeutet auch weitermachen: Einkaufen gehen, was heute wahrscheinlich keine gute Idee ist, weil alle das tun und die Schlangen VOR dem Supermarkt wahrscheinlich schlimm werden. Unseren Zaun will ich kärchern, so etwas bietet Entspannung pur, wenn der Dreck langsam abblättert. Und ein paar Menschen anrufen, die einsam sind. Das ist eigentlich das Wichtigste für heute. In diesem Sinne einen guten Start in die Woche!

Corona-Wochenende No.2

Eigentlich wollte ich heute gar keinen Blog schreiben. Samstag Früh, kaum News, Mann zu Hause, Kinder auch zu Hause, nichts Neues also. Aber jetzt, so um 23.45 Uhr Nachts denke ich, ein paar Dinge darf man doch notieren. Mein Tag begann im Grunde ganz gut. Eine Tasse Tee am Bett, diesmal nicht selber organisiert, sondern von meinem lieben Gatten und dazu wie immer in den vergangenen Tagen ein Corona Austausch, der sich in etwa so anhört: „Hast du den Artikel in der NZZ gelesen? Nein? Warte ich schicke ihn dir per Whats App, MUSST du lesen.“ Mann: „hast du den Post auf XY gesehen? Nein?Warte ich schicke ihn dir, MUSST du lesen.“ Wenn wir mit dem Corona Austausch durch sind, geht der Tag los. Mein Mann ist heute tatsächlich joggen gegangen, das kommt nicht so häufig vor, aber angesichts drohender Ausgangsperren bekommen wir alle ein fast unnormales Freiheitsgefühl, dem man dringend Raum geben muss. Ich beispielsweise wollte heute die Fenster putzen und entschied mich dagegen, weil ich mir sagte, hey, ab Montag darfst du nicht mehr raus, dann kannst du Fenster putzen, Alben machen und noch viel Anstrengenderes, also besinnen dich auf alles ausserhalb deines Zauns.

Leider war da erst einmal nicht viel, weil mich das Thema Haushalt aufgehalten hat. Geschirrspülmaschine ein, Geschirrspülmaschine ausräumen. Jeder nimmt sich bei Durst ein Glas und beim nächsten Durst wieder ein Glas und bei einer Limonade ein Glas und bei einem Smoothie ein anderes Glas und ehrlich gesagt wundere ich mich von Zeit zu Zeit, dass noch niemals ein Thriller geschrieben wurde, in dem eine Hausfrau ihre ganze Familie radikal auslöscht, weil so viele Gläser pro Tag verbraucht wurden. Als die erste Runde Haushalt fertig war setzte ich mich in die Sonne auf die Terrasse und rief per Whats App eine Freundin in Singapur an, um zu hören wie dort die Corona Lage ist. Keine 10 Minuten später, die übrigens durchaus interessant und anregend waren, stand meine kleine Tochter vor mir, die vorher schon etwa 10 Mal per Handy angeklopft hatte, aber von mir erfolgreich ignoriert worden war und sagte ich müsse SOFORT aufhören zu telefonieren es sei DRINGEND!!!!! Dringend, klingt dringend und so verabschiedete ich mich schweren Herzens von meiner lieben Freundin am anderen Ende der Welt, um meiner Tochter zu helfen. Kaum hatte ich aufgelegt, hatte ich es auch schon bereut. Denn was war passiert? Hatte sie sich weh getan? War sie infiziert? Nein, nichts davon war passiert, der Ton auf ihrem Handy funktionierte nicht mehr, sie konnte ihre 1578 Sprachnachrichten nicht abhören.

KATASTROPHE

Relativ genervt nahm ich mich dennoch ihres Problems an, man weiss ja, dass es nicht einfach ist – gerade für die armen Kinder, die sonst nur bis 2 zählen müssen, bis sie haben, was sie wollen. Und nun das: Null sozialen Kontakt, Spiele wie Mensch ärger dich nicht als Alternative und fast noch schlimmer, Eltern, die vorschlagen Tischtennis zu spielen. Im Prinzip sollte man rechtzeitig vor so einer Pandemie einen Handyreparaturkurs belegt haben. Habe ich leider nicht, aber es gab ein Ersatz-notfall Handy und ab da hätte eigentlich alles toll sein müssen.

Nach dem Mittagessen legte ich mich kurz hin und wachte mit dem miesen Gefühl auf, die Kinder heute bislang weder zum Spielen (ohne Handy) noch zum Rausgehen motiviert zu haben. Männer sind in solchen Dingen auch keine Riesenhilfe, ausser sie sind Leistungssportler, aber mein Mann hatte ja bereits seine morgendliche Joggingrunde gemacht und war nicht sehr motiviert nun nochmal mit den Kindern rauszugehen.

Es kam wie es kommen musste, ich zeterte rum, wurde zickig, schwierig, alles was man als Frau so aufbieten konnte und am Ende machten wir die schlechtgelaunteste Radtour unseres bisherigen gemeinsamen Lebens. Die Route, ganz malerisch, einmal ums Flüchtlingsheim herum und wieder heim, alle mit Corona Mindestabstand von 3 Metern, die in diesem Fall nicht mit dem Virus zutun hatten, sondern mit schlechter Laune.

Oh mein Gott, was kann es schwierig sein so kurz vor einer (Eventuellen )Ausgangsperre alle noch einmal rauszutreiben.

Völlig genervt von mir selbst und meinen Ideen bin ich dann eine Stunde alleine spazierengegangen, naja nicht ganz alleine, sondern mit einer Freundin im Ohr, mit der ich einmal alles durchsprechen musste, was heute so schiefgegangen war.

Beste Nachricht des Tages: In den französischen Nachrichten kam ein grosser Beitrag über mein LUPUS Medikament, das in 2/3 der Fälle bei Corona Patienten geholfen und den Verlauf deutlich gemildert hat. Ich gehe gerade eine Liste durch, wie viel ich im Notfall übrighätte, um es allen älteren Leuten in meinem Familienkreis geben zu können. Nur Trump hat es wie üblich vergeigt. Er hat Donnerstag in einer Pressekonferenz mal wieder mehr als unklare Angaben zur Wirksamkeit von Chloroquin (dem Mittel) gemacht, so dass es daraufhin in Nigeria zu etlichen Vergiftungen kam, weil Menschen ohne eine Idee einer Dosierung Chloroquin genommen haben. Ohne Worte Mr Trump!

Mein Mann und einer seiner besten Freunde haben heute einen Austausch über TIC TOC begonnen. Wir erinnern uns: das ist eine Plattform für die Jüngsten unter uns, die irgendetwas tanzen oder sprechen und sich das dann stundenlang angucken und beschliessen, damit OHNE Abi reich zu werden (alternativer Berufswunsch:You Tuber)..Auf jedenfall tanzte sein 51-jähriger Freund P. in St Jean de Luz relativ witzig mit seiner 18-jährigen Tochter ..Natürlich konnte das unser Familienoberhaupt nicht so stehen lassen und schickte ein Gegenvideo mit seinen Töchtern. Zu schade, dass ich das hier nicht zeigen darf, es war wunderbar!!

Grossartige Stilblüten, die aus Quarantänezeiten entstehen…

und weiter geht es mit Corona…

Tag 5, zumindest in meiner Zeitrechnung. Heute hinke ich mit kleinen und grossen Geschichten etwas hinterher, weil wir Mathe machen mussten. Mathe ist bei uns vergleichbar mit der chinesischen Mauer. Das Hindernis ist hoch, lang und unüberwindbar UND die Sprache wird nicht verstanden. Das ist schon in normalen Zeiten ein Problem, aber nun in meiner Tätigkeit als Hilfslehrerin ein absoluter Horror.

Dank toller Lehrer, die uns per Schulserver sagen, was wir bis wann zu tun haben, war heute Morgen schon eindeutig klar, dass es Mathe sein würde und das war dann wohl auch der Grund, warum ich die Kinder eine Stunde länger habe schlafen lassen. Ich wollte KEINEN Streit.

Dank der Schule wird uns nicht langweilig

Auf die weiteren Details der Mathestunden will ich nicht eingehen, aber es hat mir ziemlich den Tag verhagelt. Meine Tochter schreit in solche Fällen: „Mama, wenn du noch einmal laut und genervt stöhnst, dann geht bei mir die Wand runter und ich kann gar nichts mehr“.. Ich schreie: “ wenn du die Wand runtergehen lässt, ist dein Handy gesperrt (nicht sehr innovativ aber wirksam) und so angeln wir uns Aufgabe für Aufgabe voran.

Heute kam noch übelerweise dazu, dass mir auffällt, dass mit Länge der Corona Krise hier die Hygiene deutlich nachlässt. Mein Kind sah aus als ob ein Tropensturm von hinten in ihre Haare gefahren wäre. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass der halbe Kopf voller unlösbarer Haarknoten war, die nur entstehen, wenn man sich nicht regelmässig kämmt. Also auch hier wieder (wie bei Mathe)

Tochter: „Ich will nicht, dass du an meine Haare gehst, es tut weh.“

Mutter: „Dann schneide ich sie halt ab!“

Tochter: „das tust du nicht.“

Mutter: „Ok dann nicht, aber dein Handy ist gesperrt.“

Daraufhin durfte ich an ihre Haare…Es hat mich 30 Minuten gekostet, in denen sie nebenbei, um nicht zu laut zu schreien Videos auf TicToc gucken durfte, aber danach war ich zufrieden und lernte: CORONA will nicht, dass wir verwahrlosen.

VORHER bzw mittendrin (einige hatte ich da schon rausgekämmt

nachher, ich war zufrieden und sie auch

Apropos verwahrlosen, gestern als alle im Bett waren, kam wie immer meine Stunde. Ich lese oder gucke noch eine Serie und geniesse es, dass alle mal weg sind und leider esse ich auch viel zu viel, um diese Leere des Nichtherauskönnens etwas zu füllen. Gestern Nacht war es 1 Hanuta, mehrere Oreos und zum Schluss ein riesiges, grossartiges Sauerteigbrot mit Fleischsalat. Soll ja nicht so gut sein diese nächtlichen Fressattacken, aber meine Seele liebt es, also bleibt es wie es ist.

Ist es vermessen zu sagen, dass ich gerne Blumen zu Hause hätte, aber da die Blumenläden geschlossen haben, leide. Ich bin ein Blumenmensch. Bei mir stehen IMMER Blumen. Ich könnte jetzt natürlich welche bestellen, aber das ist nicht dasselbe. Blumenwiesen habe ich noch keine gefunden..Wieder eine Aufgabe ohne Lösung.

Ohnehin ist das Jammern auf hohem Niveau: in Bayern treten heute Nacht Ausgangsperren in Kraft, weil sich diese desperaten Deppen (so darf man das als Bajuwarin sagen) nicht an die Ansagen gehalten haben. Eine Freundin erzählte mir gestern, dass Hubschrauber über der Isar kreisen, wo es sich Menschen, viele Menschen in der Sonne gemütlich gemacht haben. Es ist dann wohl nur noch eine Frage der Zeit bis es uns auch in Hamburg trifft. Angeblich fragt der Senat schon bei den Firmen an, wer Passierscheine braucht für die Angestellten. Die Vorbereitungen laufen.

Neben Gabor Steinhart höre ich jetzt auch den Podcast „Corona Update“. Ein Virologe, ein Radio Mann (NDR) und eine Super Idee, so titelte das Abendblatt heute und sie haben Recht. Von Montag bis Freitag unterhalten sich der Virologe von der Charite in Berlin, Christian Drosten und der NDR Mann, Norbert Grundei NUR über FAKTEN, also Dinge, die man nicht anzweifeln muss, sondern die neuesten Entwicklungen. Definitiv sicherer als Whats App news oder andere.

https://www.ndr.de/nachrichten/info/Corona-Podcast-Alle-Folgen-in-der-Uebersicht,podcastcoronavirus134.html

Gestern war ich in mehreren Apotheken, um mein Basismedikament gegen den Lupus zu bekommen und war einigermassen schockiert zu hören, dass es nicht lieferbar sei. Auf Nachfrage bei meinem Rheumatologen erklärte er mir, dass das zum einen an den Lieferengpässen aus China liege und zum anderen daran, dass mein Mittel gerade getestet wird als wirksam gegen CORONA. MEIN Mittel!!!??? Das bedeutet offenbar, dass sich Klinik und Ärzte bereits Bestände sichern und ich jetzt von Apotheke zu Apotheke renne, um nur ja nicht in die Gefahr eines Schubs zu kommen. All das sind selbstverständlich nur Mutmassungen, aber ärgerlich ist es schon. Schliesslich ist Corona ja nicht die einzige Krankheit auf diesem Planeten.

Die Apothekerin bei der ich gestern zuerst anfragte, klagte mir ihr Leid. Sie sagte, wenn sie doch nur für Menschen, die es bräuchten da sein könnte, aber das Gros der Kunden seien DIE alten Leute, die zu Hause bleiben sollen und nun ausgerechnet in die Apotheke kommen. Und: sie kommen nicht, weil sie krank sind, sondern aus reiner Einsamkeit. Gekauft würden, laut der Apothekerin vor allem kosmetische Artikel. Wie traurig. Und wie schlimm, denn egal, wie oft sie ihnen sagt, in welche Gefahr sie sich begeben, die Einsamkeit scheint grösser zu sein.

Einsam hat sich heute Morgen offenbar auch mein Mann gefühlt, der wie immer vor allen anderen sehr früh aufstand und seine Air Pods nicht fand. Der begründete Verdacht, dass ihm die Kinder seine Kopfhörer entwendet haben könnten, führte zu einer mittleren Wutattacke in deren Folge er uns Schlafmützen alle rüde wecken wollte, um seine Entrüstung darüber loszuwerden. (Da er den ganzen Tag Stunde um Stunde Telefonkonferenzen hat, sind diese Kopfhörer wirklich eine Entlastung für ihn, nicht nur ein technisches Spielzeug) Kurz bevor er diese Mega Krise starten konnte, fiel ihm aber ein, dass er die Dinger am Waschbecken hatte liegen lassen. Krise abgewendet. Als ich wach wurde, sah ich nur im Familienchat GELÖSCHTE NACHRICHT und dachte ..ahhhh ein Spass Video zu Corona, das er doppelt gesendet hat. Gut, dass mir nicht klar war, welche Wut hinter der gelöschten Nachricht stand.

Mein Lieblingsbild des Tages war heute das: (all die Schmutzigen, Verwerflichen und zu Schlimmen werden hier natürlich nicht gezeigt)

Zum Schluss noch dieses: Die Moia Taxen fahren nicht mehr (gerade in meinen Emails hereingekommen), die Läden schliessen, die Fluggesschaften stellen ihren Betrieb ein, Autos werden nicht mehr produziert. Die Kinos laufen nicht mehr, Blumengeschäfte haben am Mittwoch in Hamburg ihre letzten Bestände verschenkt. Die Liste derer, die unter dieser Krise WIRTSCHAFTLICH leiden ist lang. Aber da dies ein persönlicher Blog ist, beschäftige ich mich mit persönlichen Geschichten. Meine Gedanken sind bei all meinen Freunden da draussen, die selbständig sind und gerade nichts mehr oder nicht genug verdienen. Es ist ein Alptraum, der gerade erst losgegangen ist und ich hoffe so sehr, dass es für alle irgendeine Hilfe gibt. Ein ganzer Staat kann doch wegen eines Virus nicht pleite gehen, oder doch?

Corona Tag 4 (von 100??)

So langsam spielt sich hier ein Rhythmus ein. Es ist zwar kein sozial verträglicher Rhythmus, aber da Corona keine wahnsinnig soziale Erscheinung ist, sondern uns im Gegenteil nach Hause zwingt, sollten wir Aufstehen und ins Bettgehen einmal ausser Acht lassen. Heute Morgen bin ich ziemlich früh aufgestanden, um meinen Mann kurz zu sehen, der sein Home Office – noch- in die inzwischen leere Firma in der Hamburger Hafencity verlegt hat, weil so viele Telefonkonferenzen zu Hause mit Kindern nicht gut vereinbar sind. Leider fand ich nur noch eine Cafetasse und eine Nutelladose vor und beschloss ins Bett zurückzukriechen, um per Handy alles zu lesen, was Instagram, Süddeutsche Zeitung und andere News Feeds, die ich abonniert habe über Nacht geschrieben haben. Einer meiner Lieblingsbriefings neben der NZZ ist der Blog oder Podcast von Gabor Steinhart, ehemals Handelsblatt, Spiegel usw und so fort…

https://www.gaborsteingart.com/morning-briefing/

Man kann sagen, was man will: Der Mann polarisiert gerne, aber die Interviews und Fakten, die er zusammenträgt sind spannend und fehlen mir in den Abendnachrichten, die ich ohnehin immer seltener angucke.

Nach einem ausgedehnten Nachrichtenüberblick und zwei weiteren grossen Tassen Cafe bin ich aufgestanden, um meinen müden Schülernachwuchs zu wecken. Eine Aufgabe, die sich leider von Tag zu Tag schwerer gestaltet, weil hier eine Art nächtliche Anarchie ausgebrochen ist und die Kinder keinen Grund mehr sehen zu schlafen. Um 2 Uhr morgens habe ich sie das letzte Mal gehört und hatte mir im Prinzip vorgenommen, sie aus Rache um 7 Uhr zu wecken, aber wir wollen uns ja die Corona Krise nicht gleich schwerer machen, als sie ist, also habe ich sie bis um 10 Uhr schlafen lassen.

Tatsächlich sassen wir ab 10.30 brav vor unseren täglichen Hausaufgaben, heute durfte ICH eine 14 tägige Tabelle über das Hamburger Wetter entwerfen. Am Ende werden Diagramme gezeichnet und alles ausgewertet und ICH lerne ganz viel dazu. Meine kleine Tochter dagegen findet das alles mehr oder weniger überflüssig. Mathe hat sie schon den dritten Tag in Folge weggefegt mit den beruhigenden Worten: „dann fetzen wir uns nur wieder und der ganze Tag ist versaut“. Naja, wo sie Recht hat, hat sie Recht, aber was wenn das alles noch länger geht? Können wir aus Harmoniesucht den Mathe Stoff der 5. Klasse canceln?

Etwas lustiger wurde der Religionsstoff zum Thema Judentum: Die Religionslehrerin war so nett auch an uns Nachwuchspädagogen zu denken und wir durften einen Film gucken und ICH danach eine Mindmap entwerfen. Bis vor Kurzem wusste ich nicht, was das ist, aber Schule 2020 entwirft pausenlos Mindmaps insofern muss man da ran und möglichst nicht so oft erwähnen, dass es in den 80 ern auch ohne Mindmaps ging.

Sehr zu empfehlen war dabei heute eine Serie, die ich noch nicht kannte: Checke Tobi heisst der junge Mann, der uns sehr unterhaltsam das Judentum erklärt hat und der auf KIKA offensichtlich noch viel mehr erklärt. Also wer Hilfe sucht…bekommt sie auf KIKA.

https://www.kika.de/checker-tobi/sendungen/sendung107608.html

Gestern kam die Nachricht, dass Hamburgs Schulen noch bis 19.April geschlossen bleiben. Nicht, dass ich das nicht erwartet habe, aber während mein Mann sich mit den wirtschaftlich wirklich gravierenden Folgen der Corona Pandemie herumschlägt, blitzen bei mir Fragen auf wie: was soll ich nur immer kochen? Wie bringe ich die Mädchen dazu Sport zu treiben ? Feiern wir den 50. Geburtstag meines Mannes nun tatsächlich alleine? Wann sehe ich meine Mutter wieder? Corona mag eine globale Angelegenheit sein, aber im täglichen Leben ist das eine reine Familiensache.

Nicht wirklich witzig finde ich den Umgang vieler Hamburger (und anderer) mit Corona. Eine Email unserer Schulleitung wies uns gestern daraufhin, dass offensichtlich einige Eltern und Kinder das Thema „Schulfrei“ falsch verstanden hätten. Statt sich abzusondern und auf Distanz zu anderen Menschen zu gehen, organisieren sich Mutter und Kind Gruppen, Spielenachmittage und für die etwas Älteren scheinen Parks besonders interessant zu sein, wo man sich zum Biertrinken und Abhängen trifft. WARUM Passiert so etwas?? Wo sind die Eltern, die dafür Verantwortung tragen müssen, dass das NICHT passiert? Sollen wir alle noch monatelang in unseren Behausungen sitzen, nur weil einige eine Pandemie mit einem grossartigen Freizeitspiel verwechseln?

Eine tolle Initiative hingegen, kam gestern von unserer örtlichen Musikschule, die normalerweise den Unterricht in unserem Gymnasium abhält. Ab der kommenden Woche finden ALLE Stunden statt. Online. Per Videochat wird nun gesungen, Gitarre gespielt oder Band Unterricht gegeben (wobei ich mir letzteres ziemlich schwierig vorstelle)

Überhaupt ist wirklich Phantasie in Sachen Freizeitgestaltung gefragt. Die Kinder werden von Tag zu Tag fauler und wollen sich nicht bewegen. Wie bekomme ich sie in Fahrt? (für Tipps bin ich sehr dankbar). Richtig leid tun mir momentan Eltern mit kleinen Kindern. Es ist so schwer zu Hause zu blieben, ohne Spielplatz und andere Möglichkeiten. Und ab und zu möchte man ja auch gerne mal durchatmen und nicht nur Legotürme bauen ..Heute Morgen sah ich eine bekannte Modebloggerin aus New York bei Instagram, deren Zwillinge in ihren Hochstühlen vor dem I Pad sassen. Sie selbst schrieb dazu: „nie, nie, nie wollte sie das für ihre Kinder, aber Corona macht den Tag so lang und so schwierig““ Statt Hasskommentaren, wie sie ja heutzutage an so einer Stelle üblich sind, bekam die ehrliche Frau jede Menge Unterstützung von anderen verzweifelten Eltern. Corona ändert uns alle.

Eine, die offensichtlich in New York noch nicht bekannt ist aber immer für gute Ideen bei kleinen Kindern zu haben ist, ist Marion Böller, Inhaberin der Lütte Sol Musikschule in Hamburg. Sie unterrichtet nicht nur diverse Instrumente, sondern ist seit vielen Jahren in Kindergärten unterwegs und bringt dort den Kleinsten den Spass an der Musik bei. Inzwischen hat sie ein eigenen Album herausgebracht, die Ri Ra Rasselbande und natürlich hat sie sich auch Gedanken zum Thema Corona gemacht. Wer also möchte, dass seine Kleinen nicht nur rumsitzen, dem sei hiermit hoffentlich ein bisschen geholfen.

So..ich habe jetzt beschlossen mit den Kindern zum Recyclinghof zu fahren und unser Haus auszumisten. Erstens bewegen sie sich so ein bisschen und bekommen FRISCHE (naja) Luft.. Zweitens muss man da nur Müll in die entsprechenden Container schmeissen (und so niemanden anfassen) und drittens wissen sie dann wenigstens mal wo der ganze Müll landet (eventuell pädagogisch wertvoll, eventuell auch nicht, falls sie dann denken, ist doch top, schmeiss ich eben noch mehr weg).

Ab morgen sammele ich bei all meinen Usern Rezepte, damit unsere Einheitsküche (Bolo, Bolo und Cesar Salad) ein Ende hat. Nachdem ich überzeugt davon war, dass die Hamburger wahnsinnig geworden sind, weil bei meinem Metzger tagelang Huhn ausverkauft war, belehrte mich meine Lieblings-Fleischverkäuferin gestern streng: „Was denken sie denn, warum das alles weg ist? Alle essen auf einmal zu Hause. Keine Kantinen mehr, keine Restaurants.!“ Sie guckte mich an, als ob ich vom Planeten Depp komme und ich war mir da auf einmal auch nicht mehr so sicher…

Mieseste Nachricht des Tages: Der Account eines Hamburger Gymnasiums, über den all die Aufgaben der Schüler online laufen wurde gehackt. Statt Schulaufgaben waren auf einmal Porno Bilder drauf. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Schlimm.

Corona Tag 3 (…plusX)

Es ist verrückt, wie lange der Mensch so braucht, um sich an Dinge zu gewöhnen. Ich zum Beispiel habe die letzten Tage der Ruhe durchaus genossen. Rückzug, Zeit für Dinge, zu denen ich sonst nicht komme und so ist es wahrscheinlich auch normal, dass ich heute Morgen wachgeworden bin und dachte: Heute würde ich gerne eine Freundin sehen. Es dauerte eine Cafelänge, bis ich wieder im Coronamodus angekommen war. Ok. Keine Freundin. Kein täglicher Supermarkt. Keine Schule. Kein Sport.

Ich schlich zu den Kindern, die momentan nicht vor 10 Uhr aus den Betten zu bekommen sind und rief: „Schuuuuuuule“, AUFSTEHEN!!!!!!!! Ich muss ja zumindest ein bisschen für Disziplin sorgen, wenn schon sonst alles den Bach runtergeht. Die Schule hat die beiden ziemlich ausreichend versorgt und so arbeiten wir uns momentan im Waldorf Rhythmus durch die Tage. Nicht 5 Fächer an einem Tag, sondern immer eines in Ruhe und dann das Nächste. Das macht richtig Spass, finde ich. Die Ideen der Lehrer sind toll. Sogar bei Instagram hat das Gymnasium eine tägliche Challenge organisiert. Ich muss schon sagen, ich bin beeindruckt. Als wenn wir uns auf die Pandemie schon länger vorbereitet hätten.

Mein Mann kam gestern von Paris nach Hause und war geschockt. Es war uns leichtfüssigen Hamburgerinnen schwer zu vermitteln, wie traurig es in Paris war. Aber es reicht wahrscheinlich sich diese spannende und blühende Stadt leer vorzustellen. Während er mehr oder weniger allein im grossen Büro seiner Firma war, rief ihn das Hotel an, er solle bitte auschecken, er sei der EINZIGE Gast und sie wollten jetzt schliessen. Freunde zu denen er wollte, waren samt Katze im Gepäck Richtung Süden aufgebrochen, andere stecken in Madrid fest. Auf den Strassen in Paris patrouillierte Polizei. Mit Megaphonen riefen sie die Leute auf in ihren Häusern zu bleiben oder – wenn sie mehrere Menschen auf einem Haufen entdecken- , sofort auseinanderzugehen. Der Ton ist rau. Man merkt, was Macron mit seiner Kriegsansage an den Virus meinte.

Um sich überhaupt auf der Strasse zu bewegen bedarf es eines Passierscheines. Sei es um anzuzeigen, dass man etwas einkaufen will, sei es dass man zu Arzt muss. Dieses Exemplar bekam ich gestern zugeschickt. Selbstverständlich darf man auch in Paris seinen Humor nicht verlieren.

Ob es bei uns auch soweit kommt? Heute Abend will Angela Merkel endlich zu uns sprechen. Also diesmal so richtig. Nicht mit Söder oder Spahn zwischen Presseleuten, sondern staatstragender. Offenbar hat sie nach gefühlter Ewigkeit mitbekommen, dass man das so macht, wenn man Verantwortung für sein Volk verspürt. Emmanuel Macron ist inzwischen schon mehrfach zu sehen gewesen, um sein Volk auf die jeweils härtere Stufe der Corona Massnahmen einzuschwören, Justin Trudeau spricht aus der verschneiten Atmosphäre seines Quarantäne-Hauses in Kanada zu seinen Landsleuten und Österreichs Präsident hat es auch längst erkannt. Man muss die Menschen auf diesen Zustand streng einschwören, anders verstehen sie es nicht. Hier in Hamburg wird zwar gehamstert, aber die Cafe und Strassen sind immer noch ziemlich voll und das obwohl die Zahlen explodieren. Sind wir zu doof oder liegt es an der Regierung, die es einfach nicht vermitteln kann? Warten wir mal ab, ob unsere trockene Uckermärkerin mit dem Charme einer Berliner Taxifahrerin heute Abend das Ruder rumreissen kann.

Gestern Nacht lag ich noch lange lange wach. Nächte sind momentan die einzigen Momente für mich, in denen ich mal nachdenke und Dinge Revue passieren lasse. Mit einem gewissen Schmunzeln habe ich meine Emails durchgecrawlt und die Best of gewählt. Mein örtliches Fitness Center kündigt Video-Sport an. Eine spirituelle Buchhandlung aus Hamburg, bei der ich offensichtlich einmal etwas bestellt habe, schickt mir drei Möglichkeiten der Angst Meditation. Zwei habe ich ausprobiert, waren gar nicht schlecht, aber da ich keine Angst habe, sind sie wohl eher zum Einschlafen gedacht. Deepak Chopra, den ich auf Instagram abonniert habe, hat neulich einen wunderbaren Kommentar abgegeben, um uns den Unterschied zwischen „Fear und Panic“ zu erklären. Zwischendurch hustete er ununterbrochen. Mein Mann brach beinahe zusammen vor Lachen, weil er ihn an den lustigen Inder aus den Peter Selters Filmen erinnerte. Ich selber konnte mich auch kaum noch halten, weil Husten in diesen Tagen doch soooo verdächtig ist.

Die Emails mit den Absagen für Dinge, die ich schon fast vergessen hatte sind lang. Arzttermine, Hausvermessungen, Coachings, Yoga Stunden Geschenke: Alles wird abgesagt. Heute wird laut meiner Schwiegermutter sogar das Alsterhaus geschlossen und das will was heissen. (inetwa so wie wenn in München der Beck schliesst)

Wichtigste Aufgabe für meinen Mann heute: dringend einen Friseurtermin bekommen. Er, der seit Wochen ziemlich punktgenau die Lage voraussagt, hat bei all dem nicht daran gedacht, dass Haare wachsen. Nun muss er zwischen 1000 Telefonkonferenzen noch schnell einen Friseur finden, bevor auch die schliessen. Ich wage mich nicht an seine Haare. NIE IM LEBEN!

Zwei schöne Geschichten noch zum Schluss: Erstens habe ich den tollsten Rheumatologen der Welt: er bewahrt mich vor seiner grossen, virenlastigen Praxis und kommt heute Abend persönlich zum Blutabnehmen vorbei. Nein das ist nicht normal und hängt auch mehr damit zusammen, dass unsere Kinder in die selbe Klasse gehen. Aber ich schwappe trotzdem über vor Dankbarkeit, da mein Lupus (Autoimmunkrankheit, die keiner will und braucht) gerne kontrolliert wird, aber nicht gerne mit Corona konfrontiert wird.

Die zweite Sache war ein Artikel, der mir gestern weitergeleitet wurde, den ich einfach gut fand. Für alle die, die Matthias Horx nicht kennen: Er ist ein eine Art Zukunfts- und oder Trendforscher, aber lest den Artikel, das bringt mehr, als hier seinen Lebenslauf zu erklären.

Ach und noch eines: für die Instagramer. Ich war ja immer ein grosser Fan von #Johannaadorjan und ihren Büchern, aber ich kann sie gerade jetzt nur wärmstens allen empfehlen. Erstens ist es nun sowieso DIE Zeit aller Zeiten zum Bücher lesen und ihre Empfehlungen sind wunderbar und zweitens sind ALLE ihre Posts spannend, witzig und immer mit einer Prise (Selbst)Ironie versehen, genau das was man also braucht in diesen Tagen. Nach Matt Haig „Anmerkungen zu unserem nervösen Planeten“ beginne ich jetzt mit der Biographie von Maria Theresia.

Tag 2 (plus x) der Corona-Welt

Heute gibt es den Blog einmal in Steno Form. Irgendwie geht mir meine Sprache abhanden. Meist genutztes Kommunikationsmittel in Corona Zeiten: Whats App. Meist angesehene Nachrichten: Spassvideos zu Corona. Es ist unglaublich wieviel in kürzester Zeit weltweit gedreht wird, um über diese Krise zu lachen. Ich lache gerne mit und schicke weiter.

Die Kinder haben von der Schule Wochenpläne bekommen und arbeiten. Ob sie wirklich arbeiten wird sich zeigen, aber meine Befürchtung ist, dass sie nie wieder zur Schule gehen wollen. Beide lieben die Arbeit (im Pyjama) am Computer. Dazu gibt es Musik und das angenehme Gefühl, dass niemand sie plötzlich drannehmen könnte.

Vorhin hat der Paketmann geklingelt. Er verzichtet jetzt auf eine Unterschrift. Als er sah, dass ich um 14 Uhr noch im Pyjama war, ist er schnell weggerannt. Muss man sich nun eigentlich nach dem Öffnen eines Pakets auch wieder die Hände desinfizieren? Wieviel Virus klebt auf all diesen Dingen, die von aussen kommen?

Menschen, die hier klingeln, haben in der Regel Angst vor mir. Seit ein paar Tagen hat mich der Pollenflug erfasst. Ich huste, schniefe und meine Augen tränen. Zu meinem HNO will ich nicht – zu gefährlich. Also probiere ich es mit anderen Mitteln. Bislang erfolglos.

Gestern habe ch im Supermarkt, den ich nur noch selten besuche, einen Freund getroffen. Er hatte eine grosse Kiste Bier im Gepäck und viel Gummibärchen und anderen ungesunden Schnick Schnack. Meine Laune hob sich um sagenhafte 100 Prozent: endlich einer, der das Beste aus der Situation mit seiner Familie macht! Kein Toilettenpapier, keine TK Kost (die Regale waren ohnehin leer gestern), kein Hamstervorrat (naja auf ne andere Art).

Neue Schwierigkeit: die Kinder wollen nicht mehr ins Bett. Gestern Abend standen beide vor mir und sagten, sie seien top fit. Und das, obwohl ich ein Corona Sport Programm eingeführt hatte und beide Badminton, Tischtennis und mehr im Garten gespielt hatten. Daran kann man mal sehen, wie platt die Schule normalerweise macht. Tennis, Reiten, Basketball, alles ist heruntergefahren und ich werde eventuell Challenges einführen müssen, so etwas wie 1000 Treppenstufen in 5 Minuten.

Überhaupt läuft es mit Belohnungen ungleich besser. Für erledigte Schulaufgaben gibt es Handyzeit oder einen Schokoladenkeks, irgendwie muss ich sie ja ködern. Mit Salatblättern oder Apfelschnittchen komme ich lieber abends unauffällig vorm Fernseher…

Pädagogisch wertvoll ist gerade abgemeldet. Ich versuche die Moral oben zu halten. Wir tanzen zu Radio Hamburg Songs und machen Facetime mit Schulfreundinnen. Heute habe ich 2 Stunden Ablage gemacht und hatte danach das Gefühl irrsinnig was geleistet zu haben.

Was, wenn das alles noch 6 Wochen so weitergeht? Wird dann das Haus erstmals ordentlich sein oder ich meinen Kindern endlich die Nähmaschine erklärt haben (die ich nicht verstehen will). Ab wann fällt einem nichts mehr ein?

Meine Freundinnen berichten mir, wie sie sich zu Hause umeinander herumschlängen. Ist ja auch ungewohnt, wenn Mann und Kinder und man selber zu Hause ist und Telefonkonferenzen genauso stattfinden wie Hausaufgaben und Hausarbeiten. Darf man saugen, wenn der Vorstand dran ist? Und wieviel streitende Kinder verträgt dein Chef?

Mein Mann hat heute als Pendler erfolgreich den Absprung aus Paris geschafft. Alle Pariser sind noch rechtzeitig aus der Stadt geflohen. Als er gestern ankam war Frankreichs Hauptstadt quasi leer. Schlimmer kann es sich nicht anfühlen. Also gibt es jetzt auch bei uns Homeoffice. Hauptsache er hat es überhaupt noch nach Hause geschafft, was ja in diesen Tagen keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Eigentlich lebt nur unser Kater ein normales Leben weiter. Er schläft, frisst und hat dank seiner Katzenklappe noch keinerlei Ausgangssperre. Er hält uns alle bei Laune und macht eine super Zeit durch. Immer jemand da zum Kraulen, besser gehts ja wohl kaum.

Das Corona Webtagebuch Tag 1 (oder auch später)

Als ich diesen Blog in Daily Disaster umbenannt hatte, hatte ich eigentlich anderes im Sinn. 2 pubertierende Kinder, ein Umzug nach Paris, eine Krankheit, die ich nicht haben wollte, Schwierigkeiten ohne Ende, die das Leben aus meiner Sicht zu einem endlosen Scheitern machten, dass ich – je nach Laune, nur mit viel Humor, guten Freunden oder gar nicht bewältigen konnte oder wollte.

Das alles war VOR Corona. Als die Krise losging, erfreute ich mich wie der Rest der europäischen Welt an witzigen Videos und gruseligen Bildern aus dem abgesperrten Wuhan. Wir fuhren Ski und sassen in Südfrankreich in der Sonne. Endlos weit erschien es uns und dann rückte es Stück für Stück näher.

Wir alle wissen, was, wann und wo passiert ist, aber die vergangenen Tage habe uns verändert. Bilder aus Madrid oder Mailand, auf denen eingesperrte Menschen zusammen Musik machen, um der Quarantäne Einsamkeit zu entgehen. Bilder von Plätzen, die sonst von tausenden Menschen bevölkert sind, in Mekka, Venedig oder Rom – menschenleer. Bilder aus Krankenhäusern, überforderte, ermüdete Ärzte, am Ende ihrer Kraft. Erstmals erleben wir eine Pandemie.

Als ich gestern mit meinem Mann in Hamburg am Elbstrand spazierging, schien das Leben fast normal. Auffällig war nur, wie gut drauf die Menschen waren. Sie lachten einem ins Gesicht, wo sie sonst wegguckten, sie machten Musik und schienen fast übernatürlich happy. Wir scheinen zu verstehen, dass es uns – noch- sehr gut geht. Am selben Abend wurden die Grenzen geschlossen, mein Mann ist heute mit dem letzten, einsamen Flieger zu seinem Job nach Paris ausgeflogen. Wir wissen nicht, wann er wiederkommen wird, denn ab heute Nacht riegelt die französische Armee Paris ab.

Paris Autobahn heute

Ich bekomme Gänsehaut während ich das schreibe. Für die ältere Generation, die, die ohnehin am meisten betroffen ist, kommen Erinnerungen an den Krieg hoch. Meiner Mutter fehlt auch ohne Corona seit Wochen die Luft zum Atmen, so sehr lebt sie in der Angst, die dank medialer Dauerbeschallung minütlich auf uns einprasselt.

Als 1918 die spanische Grippe nach einem blutigen Weltkrieg ein weiteres Gros der Weltbevölkerung ausradierte, geschah das unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Kein Handy, kein Plan, kein Twitter. Heute bekommen wir alles SOFORT auf den Tisch und ja, es ist beängstigend, auch wenn es nur zu unserem eigenen Wohl ist und viele von uns wahrscheinlich dieses Virus unbemerkt haben und verarbeiten werden.

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen: Auch hier in Deutschland wird es bald ein Ausgangsverbot geben. Die Welt wird heruntergefahren. Unsere Kinder gehen jetzt schon nicht mehr zur Schule und geniessen es gerade an den verschiedenen Computern (Gott sei dank!) ihre von den Lehrern gestellten Aufgaben machen zu dürfen. Ich habe schon gestern ein tausend Teile Puzzle der Welt begonnen und frage mich während ich Ulan Bator oder Grönland lege, ob da auch schon Corona Viren herumschwirren.

Für die nächsten Wochen habe ich mir vorgenommen viel mit den Kindern zu spielen, das Haus zu entmüllen und etwas Sport zu machen (notfalls laufe ich 50 mal Treppen rauf und runter).

Meine Schwester, die am Samstag nach 6 Wochen aus Tansania heimkam, möchte so schnell wie möglich zurück.

Mit meinen Schwiegereltern und meiner Mutter face- timen wir und wissen nicht, wann wir uns wiedersehen.

Über Peking gibt es keinen Smog mehr und das Wasser in Venedig wird auf einmal klar.

Ich bin gespannt, wie die nächsten Wochen aussehen werden. Für den Moment geht es uns gut. Den Älteren in unserer Familie, den Kindern, weil erstmals in ihrem Leben die Schule ausfällt und Menschen wie mir, weil ich in allem eine Chance wittere.

Vielleicht verändert dieses Virus unsere Welt mehr, als es eine Greta Thunberg tun konnte. Wissen werden wir das erst in ein paar Jahren. Aber den grossen umwälzenden Prozessen geht immer eine menschliche Veränderung voraus und die ist nun im Gang.

Als ich vor ein paar Jahren mit meiner Mutter Berlin besuchte, die Stadt , in der sie 1939 geboren und aufgewachsen ist, fragte ich sie, wie das alles auszuhalten war? Die Bomben, der Hunger, die Russen, die Kälte? Ihre Antwort war: wir haben uns an allem gefreut was schön war. Die Sonne, einem Stück Brot oder einfach nur auf dem Hof zu spielen.

Vielleicht bekommt wir ja alle ein Stück von dieser Zufriedenheit zurück, jetzt, wo auf einmal nicht mehr ALLES geht. Ich wünsche es vor allem den Kindern.