Hin und hergerissen zwischen 2 Welten – unser französisches Hamburg

foto2

Manchmal wünschte ich mir meine Uroma Germaine würde noch leben. Dann könnte ich sie fragen, wie sie das alles findet. Deutsche Schule? Französische Schule? Welche Erziehung? Welche Sprache? Aber ich fürchte viel Verständnis hätte die alte Dame nicht für mich gehabt…

Nicht nur, dass sie schon Ende des 19.Jahrhunderts ein sogenannter „Expat“ war und allein mit ihrem Vater durch Vietnam ritt, um sich dann im chinesischen Tsing Tao niederzulassen; nein sie begründete mein Kultur-Dilemma auch damit, dass sie Urgrossvater Engelhard in China auf einer Soiree aufriss und wenig später ehelichte. Das deutsch-französische Familie-Leben hatte begonnen.

Ich denke weder die Henris aus der Normandie noch die Thurns aus Berlin waren über diese amour fou richtig glücklich, aber die gute Germaine Auguste kämpfte sich unverdrossen und mit viel Selbstbewusstsein durch – auch als sie während des 1. und 2. Weltkriegs mit ihren Kindern Louis, Loulou, Fritz und Engelhard auf „Feindesseite“ in Berlin leben musste. Nur ihre chinesische Nanny stand ihr bei. Die hatte sie mitgenommen, allerdings führte das auch nicht gerade dazu in Berlin schneller integriert zu werden.

Zurück zu mir, ich war Zeit meines Lebens stolz auf die alte Dame, weil sie mir zeigte, dass man sich durchzukämpfen hat. Aber gilt das auch noch für meine Kinder? Kaum hatte das Schuljahr begonnen verliess eine der besten Freundinnen Victorias das Lycee, um auf eine deutsche Schule zu wechseln. Wie die Mutter sagte, könne sie nun endlich mal nach Herzenslust toben und rumlaufen und dürfe essen und Pipi machen wann sie wolle. Ist DAS der Unterscheid zwischen deutscher und französischer Kultur? Fragt man meine kleine Tochter sagt sie: NIEEEE dürfen wir Faxen machen oder mal rumbrüllen, immer gibt es „Punition (Bestrafung)“. Auch die Grosse jammert, sie habe zu wenig Zeit zum Essen und zum Spielen. Andererseits sind beide glücklich wo sie sind. Das Lernen macht ihnen Spass, sie haben tolle Freunde und in der Garderie am Nachmittag können sie zwischen Aktivitäten wie Nähen, Tanzen, Theater, Turnen oder einfach Kunst wählen. An welcher deutschen Schule wird das ab der ersten Klasse angeboten? Und Disziplin hat eigentlich noch keinem geschadet. Um uns herum wird auf Grundschulen gemobt, getreten und geärgert. Immer auf die ganz Kleinen. Nicht so auf dem Lycee. Hier scheinen selbst die Grossen ein Auge auf die Kleineren zu haben, was ich beachtlich finde, angesichts der normalen pubertierenden Ego-anfälle der meisten in diesem Alter. Und auch wenn das System wirklich sehr schulisch orientiert ist, so gibt es doch niemanden der durchfällt. Schon ab dem Kindergarten bekommen die Schwächeren eine Art Nachhilfe. Für die sich dort keiner schämen muss, weil jeder in irgendetwas „schwach“ ist.

Tja, wo stehe ich also nun wieder mit meinen Gedanken? Pipi versus Disziplin? mehr Pause anstatt mehr Kurse? Ach ich weiss es nicht, aber für den Moment ist noch alles ok. Merci Germaine pour ton influence Française..Und Danke lieber Engelhard für alles Deutsche in meinem Leben…Ach und sollten wir eines Tages dann wirklich nicht mehr weiterwissen in unserem vie Franco-allemande, dann haben wir ja noch die spanische Grossmutter, die auch noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.