Über Schüchternheit in Zeiten stets selbstbewusster Kinder

Manchmal habe ich das Gefühl Schüchternheit ist aus der Mode gekommen. Früher galt Zurückhaltung noch als vornehm, heute prescht jeder nach vorne – ob Kind oder Erwachsener und je lauter man ist als desto selbstbewusster gilt man.

Doch nicht jeder der laut ist, ist auch wirklich selbstbewusst. Ich beispielsweise habe es geschafft bis zum Abitur nicht ein einziges Referat zu halten. Noch heute versuche ich mich in Runden, in denen man sich vorstellen soll, vorab auf die Toilette zu schleichen. Ich mag es einfach nicht wenn mich alle angucken und ich dann etwas sagen oder machen soll. Doch nach Aussen wirke ich robust, gemeinere Zungen würden auch sagen mega-dominant. Ich lasse mir nicht die Butter vom Brot nehmen – solange ich alle kenne und es nicht wildfremde Leute sind, die etwas von mir wollen.

Womit wir nach langer Schleife auch endlich beim Thema wären. Meine Tochter Victoria ist nämlich so überaus schüchtern, dass sie sich damit die schönsten Dinge verbaut und ich weiss manchmal einfach nicht mehr wie ich ihr helfen soll.

Wieviele schöne Kurse haben wir schon besucht. Tanzen wollte sie, Malen wollte sie, Singen wäre toll…aber wenn wir da sind erstarrt sie zu Eis. Sie kriecht auf mich, versteckt sich in meinen Haaren und schluchzt, weil sie einfach nur so schnell wie möglich nach Hause will. Je älter sie wird, desto schlimmer wird es für sie. War es mit 3 noch „normal“ sich auf Mamis Schoss zu flüchten, ist es mit 6 schon deutlich schlimmer. Sie spürt die Blicke der anderen Kinder, hat Angst sich zu blamieren und weiss einfach nicht, wie sie aus ihrer schüchternen Haut wieder herausschlüpfen soll.

Gestern haben wir einen Ferienworkshop begonnen – Stage Coach nennt sich die Schule in Hamburg und ist ein kleiner Traum für Mädchen, die dort eine Woche Schauspiel, Gesang und Tanz proben. Victoria war begeistert…bis zu dem Augenblick als sie die Masse der Kinder sah, die dort warteten. Während Valentina in 5 Sekunden in der Gruppe untergetaucht war, beschloss Victoria nicht mehr zu sprechen, ihre Augen füllten sich mit Tränen und sie und ich verschmolzen zum Sandwich.

Ich weiss nicht, ob mich jemand versteht, wenn ich sage, dass ich in solchen Momenten zwischen Wut und Traurigkeit schwanke. Manchmal möchte ich sie einfach stehenlassen, so wie man es früher mit Kindern tat, weil ich weiss, dass es IMMER irgendwann besser wird. Dann wieder sage ich mir, NEIN, dass ist der falsche Weg, du musst Verständnis für sie haben, damit sie langsam auf ihre Art und Weise in solche Gruppen findet.

Eine Stunde sass ich gestern dort mit ihr. Dann ging ich zur Leiterin der Schule, um ihr zu sagen, dass wir es nicht schaffen werden und ich meine Tochter mit nach Hause nehme. Doch diesmal hatte ich Glück. Victoria traf auf eine Kursleiterin mit viel Verständnis und wir machten einen Deal aus: Sie durfte als ihre Assistentin dort im Büro sitzen und malen und wenn sie es gar nicht schaffen würde, dann käme ich um sie abzuholen.

Und? Was glaubt ihr, wie es weiterging…Victoria sass dort noch etwa 40 Minuten. Dann hatte sie offenbar kapiert, dass niemand sie zu etwas zwingen würde und beschloss eigenständig in die Tanzgruppe zu gehen. Als ich sie abends abholte war sie um Zentimeter gewachsen und sehr stolz auf sich. Sie hätte jetzt wenig Zeit mir alles zu erzählen, sagte sie, denn sie müsse für die Aufführung am Freitag proben. Ich tat so als ob NIE etwas gewesen wäre. Schüchternheit? Das Wort habe ich nie gehört….bis zum nächsten Kurs und zur nächsten Gruppe, wenn ich wieder auf eine nette und geduldige Kursleiterin hoffen darf, die in meinem Kind das Gleiche sieht wie ich: jemanden der Zeit braucht, um aufzutauen – etwas das heute nicht mehr selbstverständlich ist.

 

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