Wo sind nur unsere Manieren geblieben – wie ich versuche meinen Kindern zu erklären, dass Dinge, die früher richtig waren, auch heute noch zählen.

Neulich hatte ich wieder einmal eine Diskussion mit meiner Tochter über Benehmen. Sie findet, sie mache alles richtig. Ich finde, sie beherrscht die wichtigsten Grundregeln nicht.

Das fängt damit an, dass sie (ich nenne mal keine Namen) anfängt zu essen, bevor auch nur ein anderer am Tisch sitzt und fertig ist, wenn wir das erste Mal feststellen, dass es uns schmeckt. Im letzten Urlaub in Österreich waren Oma München und ich regelmässig gerade bei der Vorspeise, als V. ihre Nachspeise beendete und ohne zu Fragen abzischte, Selbstverständlich hatte das Konsequenzen. Ich verbot ihr aufzustehen und sie maulte uns an, bis uns das Essen beinahe im Hals steckenblieb. Ich gab ihr Fernsehverbot. Ich versuchte ihr zu erklären, dass Essen nicht nur Nahrungsaufnahme sei, sondern auch Beisammensein, eine Möglichkeit sich Geschichten zu erzählen, Probleme loszuwerden. Meine Tochter erklärte mir, dass könne sie auch nach dem Essen. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Inzwischen bleibt sie zwar bis zum Ende, aber ihr Gesichtsausdruck schwankt zwischen Ekel Alfred und Reich-Ranicki. Mehr Missachtung über unsere seltsamen Tischmanieren („bis zum Ende bleiben, wo gibt es denn sowas?“) kann es kaum geben.

Ebenso schwieriges Thema sind Begrüßungen und Abschiedszeremonien. Die beherrschen beide Töchter nicht so gut. Was ja kein Problem wäre, wenn die Kinder 3 und 4 Jahre alt wären. Aber mit 6 und 8 sollte man doch gelernt haben, dass man Guten Tag und Auf Wiedersehen sagt. Dass man seine Klavierlehrerin nicht einfach allein ohne Worte das Haus verlassen lässt. Und dass man netterweise Menschen auch einmal die Hand geben kann (oder gar ein Küsschen geben darf – SAKRILEG!). Besonders beliebt es an Oma und Opa einfach vorbeizuziehen und sie zu behandeln, als ob man sie noch nie gesehen hätte. Ich schäme mich in Grund und Boden.

Tochter 1 findet, sie hat zwar noch Lernbedarf, aber sie würde es in anderen Bereichen wieder gutmachen. Sie ist seit neustem meine Küchenfee. Sie spült ab und räumt die Geschirrspülmaschine ein. Da sie in diesem Fall ganz klar Punkte sammelt und weniger menschlichen Kontakt hat, kann nichts schief gehen und Mama freut sich.

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Victorias neuestes Hobby: Spülen

Tochter 2 findet Küchenarbeit ist etwas für Mütter und liest in der Zeit lieber einen ihrer geliebten Comics.

 

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Valentina bei ihrer Lieblingsbeschäftigung: dem Lesen

Grundsätzlich höre ich und auch die anderen das Wort danke viel zu selten. (das Wort Entschuldigung dagegen viel häufiger).
Beide Kinder finden, ein schnell geflüstertes oder gehauchtes Danke muss reichen, am besten gleich für den ganzen Monat. Dass ich ihnen wieder und wieder erkläre, dass NICHTS selbstverständlich ist und ein Danke noch niemanden die Sprache verschlagen hat interessiert sie minimal.

Interessant wurde das ganze neulich, als Oma Hamburg V. und ihre beste Freundin anlässlich ihres Geburtstages zu Holiday on Ice ausführte. An sich ja schon eine kostspielige Geschichte, vom Parkplatz bis zum Programmheft fragt man sich ernsthaft wie sich das eine 5 köpfige Familie jemals leisten soll. Umso schöner, dass V. dabei sein durfte. Als meine Freundin K., Mutter der besagten Freundin danach vorschlug, man könnte ja ein Dankeskärtchen schreiben war V. zunächst empört. “Also ich habe mich schon bedankt, wirklich!!!” Ich versuchte ihr zu erklären, dass man so etwas FRÜHER immer so gemacht hätte, da es anderen Menschen grosse Freude machte und das sei doch – nachdem sie nun eine solche Freude bei Holiday on Ice hatte – das Mindeste. Meine Tochter geriet ins Grübeln und fragte mich, ob sie jetzt immer Briefe schreiben müsste, also auch wenn Oma ihr nur  ein Eis kaufen würde. Ich verneinte das, erklärte ihr aber, dass diese Idee von Freundin K. in unser “das ist völlig normal – Rahmenprogramm” aufgenommen würde. Heute Nachmittag habe ich beiden Kindern Briefpapier besorgt, als Anreiz – das war schon damals MEIN Schönstes. Ich habe Briefe und Briefe geschrieben, hoffen wir mal, dass es meinen Kindern genauso geht, in einer Zeit, in der den meisten eine kleine SMS schon ausreicht.

Der Brief, der wirklich Freude machte

Der Brief, der wirklich Freude machte

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