Wie man sich durchs Leben träumt und als Mutter daneben verrückt wird

Früher einmal war ich auch verträumt. Ich verschwand stunden-und tagelang in meinen Traumwelten der Unendlichen Geschichte oder Momo, hörte und sah um mich herum nichts und sollte mich in dieser Zeit jemand angesprochen haben, wusste ich es nicht. Wie sehr ich mich nach dieser Zeit zurücksehne und wie sehr ich manchmal wünschte, ich würde meine Tochter im Hier und Jetzt erwischen.

Mein Kind braucht keine Bücher, um auf Reisen zu gehen. Sie guckt mich aus ihren grossen, blauen Augen an und fliegt durch die Welten. Während ich ihr gegenüber sitze und fasele, sie solle Hausaufgaben machen, aufräumen, Zähne putzen, ins Bett gehen…lächelt sie und ist woanders.

Je nach Laune finde ich das entzückend oder ich möchte durchdrehen.

Neulich Morgen beispielsweise sass sie am Frühstückstisch und liess sich fiel Zeit beim Träumen. Irgendwann nach meinem 10.Versuch zu ihrer Weltraumstation Kontakt aufzunehmen, stand ich auf, packte die Schlüssel, nahm ihr das Frühstücksbrot weg und versuchte es auf die ganz harte Tour, um ihr zu zeigen: WIR MÜSSEN GEHEN, die Schule wartet leider nicht auf Leute wie uns.

Victoria lächelte mich mitleidig an und verschwand erstmal im Bad. Wenige Minuten später kam sie tatsächlich wieder, zog sich ihren Anorak an und wollte gehen. Doch halt! Irgendwas in meinem noch müdem System signalisierte mir, hier stimmte was nicht. Nach einem kurzem Check, stellte ich fest, Victorias Traumwelt musste mitten im Anziehvorgang über sie hereingebrochen sein: Sie trug nur eine Strumpfhose und dazu ein Pyjamaoberteil. Und fast hätte ich sie so zur Schule geschickt.

Wenige Tage später brachte ich gerade mit nassen Haaren den Müll heraus und sagte zu meinem Kind: „Lass bitte die Tür offen, ich habe keinen Schlüssel dabei und muss noch meine Sachen holen.“ Ebenso gut hätte ich Russisch sprechen können oder meinem Kind die Quantenphysik erklären. Als ich die Treppe vor unserer Haustür wieder hochkam, war die Tür zugezogen. Vic stand lächelnd da und fragte: „fahren wir jetzt?“

Ich war mir nicht sicher, ob ich lachen oder weinen sollte. Zum Glück hatte ich bei Freunden einen Ersatzschlüssel. Aber was wenn nicht? Wie erreiche ich mein Kind auf ihrem fernen Planenten? Ich empfinde es als solches Glück, dass sie so träumen kann, aber egal was ich sage, ich kann mir nie sicher sein, dass sie es gehört hat. Während ich die Grosse in diesem Alter schon mal eine Stunde alleine gelassen habe, würde ich mich das bei ihr nie trauen. Was wenn um sie herum die Strasse abbrennt und sie es nicht bemerkt?

Es ist ein liebenswertes Jammern meinerseits, denn – wie gesagt – ich bin froh, dass sie sich in unserer stressigen Welt so lange es geht ihre Wolke bewahrt. Neulich – nach dem Schlüsseldesaster – haben wir gemeinsam beschlossen, dass ich sie bei wichtigen Aussagen in Zukunft anfasse, ihr in die Augen gucke und sie mir dann bestätigt, dass sie mich gehört hat. „Check“ wird sie dann sagen, erklärte sie mir. Das klingt cool, auch wenn Coolness  das Letzte ist, woran ich bei diesem verträumten Häschen denke.

1 Kommentar

  1. Ein wirklich zauberhafter Text! Hat mich mal wieder zum wiedererkennen und schmunzeln gebracht 🙂 Dankeschön dafür!

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