Warum ich mit 45 nicht noch einmal zum Religionsunterricht gehen will – aber MUSS!

Meine Tochter macht im Mai Kommunion. Da wir in der Diaspora Hamburg aufwachsen, ist Katholisch sein keine Selbstverständlichkeit, da wir aber auch entspannte Gläubige sind, war uns bisher ziemlich egal, wo die nächste katholische Kirche ist. Wir gingen eben einfach in die Evangelische ums Eck. Kurz bevor der Kommunionsunterricht begann fragte mich meine Tochter, ob sie da jetzt immer alleine hingehen dürfe, es sei ja „ums Eck“. Ich erklärte hier, dass das leider die falsche Kirche sei und merkte selber wie schal sich das anhörte. „Ab jetzt bist du katholisch, also nur noch katholisch“, soll man so etwas wirklich sagen? Ich sagte es nicht.

Als ich im Bayern der 70-er Jahre gross wurde, stellte sich eine solche Frage gar nicht. Erstens es gab Religionsunterricht in der Schule und es ging quasi jeder zur heiligen Kommunion und zweitens waren Protestanten grösstenteils „Zugroaste (Zugewanderte, Eingereiste :-)) oder die Kinder derselben. Aber Kinder ist so etwas egal. Und so spielten die Protestanten eben auch Fußball mit unserem Pfarrer Nickelbauer und wir machten da keine Unterschiede. Ausser, das wir neidisch waren auf den etwas lässigeren Religionsunterricht der anderen (bei uns kam immer der Pfarrer selbst).

Dem Kommunionunterricht meiner Tochter ging im Herbst ein langer Elternabend in einer eiskalten Kirche voraus, der mich an früher erinnerte. Bibbernd in einer Kirche sitzen, das kannte ich und offensichtlich auch das Gros der anderen Eltern, die zum Teil kichernd und mit Thermoskannen gekommen waren. Warum wir uns nicht einfach im warmen Gemeindesaal treffen durften, hat niemand gewagt zu fragen.

Ja so ist das mit dem Glauben. Ich dachte, ich hätte das alles hinter mir gelassen und nun sei meine Tochter dran, aber die junge, ehrgeizige Gemeindereferentin – übrigens durchaus sympathisch, aber SEHR resolut, klärte uns auf, was die nächsten Monate auf uns zukommen würde. Die Eltern müssten zu JEDEM Treffen mit. Morgens um 9 ging es los mit dem Gottesdienst, am frühen Nachmittag endete es, dazwischen Diskussionen über Glauben, gemeinsames Basteln mit den Kindern und viele Projekte mehr.

Um ehrlich zu sein, ich war geschockt. Nicht nur, dass die meisten Eltern sich nur am Wochenende in Ruhe sehen, weil die Väter Montags rausfliegen und Freitags heimkommen, ich sah es auch einfach nicht ein Sonntags mit wildfremden Menschen meinen Glauben zu diskutieren. Dass das für die Kinder wichtig ist, ok. Dass man bei einem oder 2 Treffen dabei ist, auch ok. Aber ALLE?

Vergangenen S0nntag stolperte ich also müde, vom Wecker geweckt in die Kirche. Der Pfarrer, der den Familiengottesdienst hielt war offensichtlich extra ausgebildet worden, um Kinder lockere Vergleiche mit Gott zu basteln. Jedes dritte Wort war ein Fremdwort und den Höhepunkt bildete er, als er Saddam Hussein zitierte. Die Eltern stöhnten hörbar auf, aber keiner wagte sich zu fragen, was Saddam Hussein im Kommunionsunterricht zu suchen hatte.

Danach wurden wir in Gruppen aufgeteilt, um unseren Glauben zu besprechen. 80 Eltern rannten zur Kaffeemaschine, um sich erstmal ein bisschen Sonntagsgefühle zu verschaffen; Glaubensfragen gehen mit Café im Bauch definitiv besser voran. Ums es kurz zusagen, die Eltern hatten eine Menge Humor, wir haben viel gelacht und das eine oder andere angesprochen. Danach habe ich mit meiner Tochter noch eine Kerze gebastelt auf der christliche Symbole waren und mich mit ihr darüber gestritten, ob man den Baum, den ich bastelte, dazu rechnen kann oder eher nicht.

Der Tauferinnerungsgottesdienst am selben Tag war auch sehr schön. Aber was mich betrifft habe ich jetzt wirklich alles gesagt. 4 weitere Termine folgen und in mir bleibt das Gefühl, dass das eine Sache OHNE Eltern ist, während der die Kinder gemeinsam über Gott sprechen sollen, ohne dass ihre Eltern ihren Senf dazugeben. Leider haben wir ein Stempelheft bekommen, in dem alles genau dokumentiert wird. Ich werde also nicht davonkommen, ob ich will oder nicht. Aber ob der liebe Gott wirklich gewollt hätte, dass ich meinen Mann und das andere Kind 2/3 des Sonntags nun auch noch kaum sehe, weiss ich nicht.

 

1 Kommentar

  1. Ich kann über so etwas auch nur den Kopf schütteln…. ich meine, ok, dass die Katholischen -ich bin ja selbst auch eine 😉 – immer etwas anders tickten als die anderen, das war schon immer klar, aber das, was du beschreibst, klingt eher nach verzweifelter Zwangsbeschäftigung zum Füllen der sonntäglichen Kirche in der Hoffnung, dass die Eltern das so spaßig finden und darüber hinaus, weiterhin fleißig jeden Sonntag und vielleicht auch Samstag – ist ja schließlich Wochenende- die heilige Messe besuchen und am besten natürlich sämtliche An-Verwandte und Bekannte dazu motivieren auch dahin zu flanieren…
    Es ist schön über den gemeinsamen Glauben und vielleicht auch über dessen Kontroversen zu diskutieren, aber quasi zwangsverpflichtet à la Kommunionsunterricht reloaded??? Nein Danke!!!

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