Wenn Kinder zur Werbung für die Eltern werden – ein Einkauf stimmt mich nachdenklich

 

Neulich in einem schicken Hamburger Stadtteil. Die Kinder und ich haben einen Termin, der noch eine halbe Stunde hin ist. Während wir noch einparken, sehen die Mädchen eine leckere Eisdiele, in die ich nicht will und ich einen schicken Kinderladen, in den sie nicht wollen. Nach Jahren zwischen H und M und Zara ist es eine Freude für mich mal wieder eine richtige Kinderboutique zu betreten. Wir brauchen Winteranoräke und die, die jetzt  im Fenster hängen, sehen einfach top aus. Im Laden angekommen staune ich erst einmal über die Preise. Nichts, was nicht genauso teuer wäre, wie die Kleidung eines Erwachsenen, manches übersteigt deutlich das, was ich ausgeben würde, wäre es für mich. Die Mädchen haben inzwischen Feuer gefangen und rufen „ Mami, Mami kann ich das schicke Sweat Shirt (89 Euro) haben …..oh der Anorak (299 Euro) den hätte ich auch gerne. Ich überlege ob ich ihnen einen Lolli ausgeben sollte und mich danach aus dem Staub mache.

Am Ende finden wir zwei wirklich schöne, toll gefütterte, warme Sweatshirts (der kluge Beobachter merkt, ich versuche mir den Kauf schön zureden) und alle sind happy. Bis dahin war die Konversation zwischen mir und der Verkäuferin allerdings eher schleppend: Ich zu ihr: „ das Sweat Shirt gefällt mir, hätten sie das in 140? „“Nein,“, sagt die junge Frau. 2 Sweat Shirts später (beide auch nicht in 140 erhältlich) frage ich schon etwas genervt, gibt es denn hier nichts in 140? „Doch“ sagt die Verkäuferin und zeigt mir ein paar hässliche Restklamotten. Als sie merkt, dass ich langsam verzweifele, erklärt sie mir folgendes: „Wissen sie, wir sind hier im Stadtteil W. (mit mehreren Ausrufezeichen ausgesprochen), die Menschen hier legen Wert auf Exklusivität. Wir besorgen nie mehr als eine Grösse. Viele Mütter haben sich beschwert, dass ihre Kinder beim Hockey oder Tennis auf andere Kinder getroffen sind, die das Gleiche anhatten.

UUUUPS!

Ich schweige erst einmal und staune. Das Kleid von Victoria, das ich so liebe, trägt ihre halbe Klasse. Nie habe ich mir darüber Gedanken gemacht, was das für ihren Wert bedeuten könnte. Braucht man eventuell in Zukunft Psychologen, die den Kindern dabei helfen, ihr wackelndes Branding wieder herzustellen? Oder brauchen die Mütter und Väter vielleicht eine Gruppentherapie, um darüber nachzudenken, welcher Teil ihres Ichs offenbar einen erheblichen Mangel an Selbstbewusstsein hat, wenn sie ihren Kindern solche Ansichten mit auf den Weg geben?

Kommt man an Schulen in diesen “W”- Stadtteilen vorbei, ist man verwundert über die hohe Anzahl an Müttern, die wie ihre Töchter aussehen. Lange Haare, enge, zerrissene Jeans, Ugg Boots. Bloss nicht wie 45 aussehen!!! Gerade während ich das schreibe, düst eine Anfang 50- jährige mit ihrem Roller an mir vorbei: Mutter und Tochter beide im Trenchcoat und schicken Sneakers. Victoria Beckham lässt grüssen.

Die Töchter können einem leidtun. Bei den Vätern ist es allerdings manchmal nicht besser. Einer meiner Lieblingsväter – noch aus dem Kindergarten – betonte wirklich in JEDEM Satz wie jung und lässig er sei, wie cool ihn seine (armen) Söhne fänden, wie besoffen er gerade erst gestern Abend wieder war und dann schleifte seine Jeans irgendwo zwischen Hintern und Kniekehlen hinter ihm her und wir durften uns an seinen Calvin Klein Unterhosen erfreuen.

Als ich vor einigen Jahren einmal einen Blogger-Workshop besuchte zu einem ähnlichen Thema blieben mir folgende Worte des Psychologen im Sinn: „Wie soll und kann sich ein heranwachsendes Kind von seinen Eltern abgrenzen, wenn diese versuchen genauso auszusehen wie das Kind? Beziehungsweise wenn sie das Kind zwingen so auszusehen wie sie?“

Ich versprach mir damals, NIE MEHR zerrissene Jeans zu tragen, Bomberjacken sind zwar gerade in, aber – da die Kinder sie schon haben (ZARA!),- lasse ich die Finger davon. Ich verhalte mich brav wie eine Ü 45-erin und sage so gut wie nichts zu den hässlichen über dem Bauchnabel geknoteten T Shirts meiner Tochter (wenn ich die anziehen würde, wäre das allerdings wirklich eine ästhetische Straftat) oder dem Wunsch nach UGG Boots, in dem meiner Meinung nach die halbe Menschheit so aussieht wie Elefanten mit Streichholzbeinen.

Allerdings erwarte ich 30 Jahre später von meiner Mutter definitiv eine Erklärung. Zwar wollte sie nie so jung aussehen wie wir, dafür durfte ich aber schon mit 12 so alt aussehen wie sie. Mein absolutes Schreckensoutfit im Rückblick: Zitronengelbe Pullunder à la Genscher und akkurate Polohemdchen mit Kragen nach oben. Stilistisch ausgetobt habe ich mich übrigens erst mit Ende 30, naja Anfang 40. Und kaum angefangen war es dann auch schon wieder vorbei, weil die Kinder in das Alter kamen, mich peinlich zu finden. Und da stehe ich nun und verhalte mich unauffällig. Meinen Kindern kaufe ich weiter Klamotten, die alle tragen und wenn sie mal aus dem Haus sind, kann ich immer noch einen auf Vivienne Westwood machen oder es bleiben lassen.

1 Kommentar

  1. Herrlich! Bei uns im Neubaugebiet wohnen auch ein paar Familien aus den W-Stadtteilen. Da laufen die Mädchen rum wie aus dem Modekatalog. Ganz der Papa. Der zeigt sich nämlich auch gerne stilsicher und fit aus der Muckibude…. Die schicken Lederschuhe immer im hohen 100er-Bereich – beim Haus hat es aber leider nicht für den W-Stadtteil gereicht

    Liebe Grüße
    Isa von Lari Lara

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