Eine Generation des Scheins und nicht des Seins…und was kommt danach?

Gestern Abend landete ich zu später Stunde aus purer Langweile (warum auch sonst tut man es) auf Instagram. Caro Daur, eine bekannte Influencerin startete gerade ein Live Video von sich. Die stets süsse, fast schon bedrohlich dünne Caro startet mehrfach am Tag Live Videos. Manchmal komme ich mir dann vor wie diese alten Frauen auf dem Dorf, die alles beobachten. Sie haben mir Angst gemacht als Kind, wenn sie mit verschränkten Armen hinter vergilbten Gardinen sassen und das Geschehen auf der Strasse beäugten. Ich war mir jedes Mal sicher, ich wäre an irgendetwas schuld und gleich würde eine Menge Ärger auf mich zukommen.

Zurück zu Caro. Ich stellte mir vor, wie ich via Instagram so eine alte Frau wäre, für Caro, für Stefanie (Giesinger) und für diese Bilou Frau, die mit ihrem Ehemann JEDEN ihrer Schritte kommentiert. Ich sitze tatsächlich zu Hause auf dem Sofa und schüttele meinen noch nicht ganz so alten Kopf, weil ich es so abartig finde, was für einen Mist diese Menschen von sich geben und dass zigtausende anderer Menschen diesen Mist so grossartig finden, dass deren Follower Zahlen ins Unermessliche steigen. Leider können mich Caro und Steffi nicht sehen, sonst hätten sie vielleicht auch ein bisschen Schuldgefühle, wobei so etwas wie Schuld in dieser Generation nicht gerade angesagt ist.

Caro beispielsweise – ich nenn sie jetzt mal so, das Internet gibt einem ja das Gefühl, dass wir alle Freunde sind, hat sich gestern aufgeregt, weil sie so viele Emails bekommt. Das arme Mädchen ist sehr gestresst, weil so viele Menschen was von ihr wollen. „Trag meine Mütze, präsentier mein Label, komm in unser Hotel, leg dich in meinem Bikini an den Pool und tue so als ob du trotz Dauerdiät eine Pizza isst!!! Und mach viele, viele Fotos davon. “ Im Prinzip ist das ja in Ordnung, es gibt Werbung seitdem (seit wann eigentlich?) wir Fernsehen haben, aber hat jemand den jungen Menschen, die diese Influencer angucken, schonmal gesagt, dass es eine ununterbrochenen Werbeendung ist? Naja selbst wenn, sie würde es wohl nicht stören. Das Prinzip ist ja immer das selbe: Angucken, staunen, imitieren. Auf keinen Fall in Frage stellen oder eben HATEN, mein Lieblingshasswort.

Das Leben ist Schein geworden, keiner weiss, wie Caro aussieht, wenn ihr Kühlschrank leer ist, die Toilette verschmutzt oder sie sich einsam fühlt und heulend ihre Eltern anruft, was sie sicher ab und an tut..Einfach zu sein, wie wir sind ist nicht bemerkenswert genug. Ich finde das so traurig.

Ich frage mich, was aus diesen Leuten wird, wenn der Trend irgendwann wieder zum Buch geht oder zum geschriebenen Brief. Meine Tochter wusste neulich nicht einmal was Adressat und Absender ist. Klar, braucht man ja auch nicht in einer Email.

Ich höre jetzt auf so rumzupesten und suche mir mit einer schönen antiken Turgenjew Ausgabe einen Platz am Fenster. Ich bin gerne in meiner alten Welt und bewahre sie mir wo ich kann. Ich liebe es, wenn die Protagonisten tagelang reiten müssen, um irgendwo anzukommen und alles so eine unendliche Zeit hat.

Früher habe ich immer gelacht, wenn meine Mutter genervt geknurrt hat, weil ihr Papa wieder seine Kriegsgeschichten rausgeholt hat. Wie oft mussten wir uns seinen Rommel Afrika Feldzug anhören und wie gut er es in Kriegsgefangenschaft hatte. Jetzt lasse ich meine Kinder knurren. Ich fürchte es kommt ihnen zu den Ohren raus meine Geschichten von Wald und Wiese, von langen Isar-Sommerabenden und meinen Büchern. Sie müssen mich für den totalen Nerd halten, aber das ist mir egal, sie werden eines Tages auch von ihren Kindern ausgelacht werden, wenn sie immer noch auf Instagram rumsurfen. Wahrscheinlich ist unsere Welt bis dahin ein einziges Live Video. Ich habe dann einen kleinen Weinberg in der Provence und das Wlan funktioniert kaum oder nur, wenn wir auf einen Hügel heraufsteigen. Dann schicken wir unseren Kindern und Enkeln ein kurzes Video, dass wir noch leben und steigen wieder herab. Ich hoffe, mein Mann findet das auch gut, ich muss dringend mit ihm sprechen…

1 Kommentar

  1. Ich kann deine Gefühle als Mittdreißiger sehr gut nachvollziehen. Letztens ging es mir auch so, als ich eine Sendung über Youtuber im TV gesehen habe. Wirkt alles irgendwie sehr abgespaced. Allerdings ist es auch nichts anderes als TV Stars von früher. Von Gottschalk weiß ich beispielsweise auch nicht wie er aussieht, wenn sein Kühlschrank leer ist =)

    Es ist halt ein interessantes Phänomen, dass jetzt jeder selbst erfahren kann, was es heißt ein (Youtube)Star zu werden, mit allen Höhen und Tiefen. Ob der Weg noch einmal zurück ins analoge Zeitalter zurück führt wage ich zu bezweifeln. Leider…

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