Unser täglicher Irrsinn oder wie ich versuchte herauszufinden ob meine Tochter Täter oder Opfer ist

Vergangene Woche feierte meine Älteste ihren 11.Geburtstag. Ich weiss noch als ich 11 wurde. Die Welt erschien mir relativ einfach. Ich hatte Freundinnen am Gymnasium gefunden. Sie waren nett. Die, die nicht nett waren, waren mir egal. So war das 1982. Heute ist es anders. Man verfolgt die, die man nicht mag mit Hass und Häme, beschäftigt sich per Whats App chats damit, was alle anderen über den angeblich blöden Menschen denken und die „netten“, also die Freundinnen – wie wir sie 1982 noch nannten – laufen so nebenbei mit. Warum und wie sich das entwickelt hat, weiss ich nicht, aber ich habe stark meine ehemalige Branche, das Fernsehen im Verdacht mit diesen unendliche vielen Vorbildern an 10- jährigen, die geschminkt durch High Schools rennen, mit einem Handy in der Hand, das sie wie eine Waffe tragen und dazu ununterbrochen entrüstet und überdramatisch rufen, wie blöd der oder die ist.

Irgendwann zwischen 7 und 10 Jahren hatte ich vergessen meinen Kindern solche Serien zu verbieten. Ich hatte es schlicht und einfach nicht ernst genug genommen. Eine Tatsache, die ich inzwischen bereue.

Vergangene Woche klingelte an V.s Geburtstag mehrfach mein Telefon. Da ich die Nummer nicht kannte, ging ich nicht ran. Wir feierten Geburtstag, weniger wichtige Dinge durften einen Tag warten. Als ich an diesem Abend ins Bett ging und voller Liebe an mein erstgeborenes Baby dachte, was nun gross wurde, erreichte mich eine Whats App mit unbekanntem Absender:

„Liebe Frau W. , bitte melden Sie sich bei mir. Ihre Tochter V. MOBBT! meine Tochter. Ich habe bereits den Lehrern dazu geschrieben und es wird dringend Zeit, dass wir sprechen.“

RUMMS, die Nacht war beendet, bevor ich überhaupt geschlafen hatte.

Dass V. eine knackige Persönlichkeit hat, ist in der Familie allgemein bekannt (das Wort knackig erläutere ich ein anderes Mal, aber es hat durchaus viele Facetten). Aber Mobbing? Ich fühlte mich auf einmal wie ein Mann, der ungewollt in die MeeToo Debatte reingeraten war. „Sie sehen aber hübsch aus in der Jeans…“ Ha! Sexuelle Belästigung, er hat mich auf meinen Allerwertesten angesprochen….!!

Ungefähr so ging es mir. Mir war klar, dass V. wahrscheinlich einem Kind an der Schule ihre Meinung gegeigt hatte, aber gleichzeitig wurde ich unglaublich wütend, dass eine fremde Mutter mir einfach das Wort MOBBING per Whats App herüberschickt und das nicht nur mir, sondern auch gleich noch der Lehrerschaft.

Am nächsten Tag rief ich mit Herzklopfen die Mutter an und versuchte ihr zu erklären, dass das alles ein Missverständnis sein musste. Inzwischen hatte ich mit mehreren Menschen gesprochen und alle hatten mir versichert, dass das andere Kind mehrfach Schüler beleidigt hatte, mit Schimpfwörtern nur so um sich schmiss und auch schon mehrfach einen Eintrag ins Klassenbuch kassiert hatte. Hatte sich V. also nur gewehrt? Oder war es irgendwas dazwischen?

Wahrscheinlich war, dass beide Kinder die Unwahrheit sagten. Aber jetzt mal im Ernst: Würden Sie sich trauen einer fremden Mutter zu erklären, ihr Kind lügt, wenn man im Prinzip nicht weiss, WER lügt? Es ist so sinnlos, wie zu behaupten, dass ich in diesem Jahr täglich Sport machen werde. Was also tun? 2 ganze Tage schleppte ich mich müde und erschöpft vom Suchen nach Beweisen durch die Gegend. Inzwischen war ein Schlichtungstermin bei uns zu Hause ausgemacht worden und mir graute es. Wie sollte das ablaufen? Jene Mutter war überzeugt, dass ihr Kind wegen meiner Tochter weinte, Bauchschmerzen hatte und nicht mehr zur Schule gehen wollte. Ich dagegen war überzeugt, dass das andere Kind viel mehr Stärke besass, als seine Mutter sehen wollte. Da ich aber keine Versteckte Kamera in der Schule installiert hatte, wusste ich nicht wie sich V. dort verhielt.

Und dann kam mir mein Mann und die Kinder zur Hilfe. Als mein wundervoller Ehemann an dem Abend nach Hause kam und sah wie ich mich aufregte sagte er zu V. nur diesen EINEN Satz: “ Wenn du cool bist, löst du das Problem morgen auf dem Pausenhof und nicht mit Müttern bei uns im Wohnzimmer.“

Als ich am nächsten Tag Mittagessen machte, kam V. freudestrahlend an und sagte: „Mama, Problem gelöst, du musst heute Abend nicht mehr schlichten“. Voller Freude tanzte ich einen Mutter-Erleichterung-Tanz in der Küche. Wie das Ganze zustandekommen ist, ist mir allerdings immer noch nicht klar. Und wie aus Mobbing (sie sehen wie ich mich über dieses Wort aufrege) auf einmal ein kleiner, schnell beizulegender Kinder Streit wurde, noch weniger. Mir bleibt nur eine Bitte an alle Mütter:

Wenn Sie, wie ich aus den 70ern  kommen, erinnern sie sich bitte an diesen wunderbaren Satz: „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.“

So wurden früher Probleme gelöst. Nicht alles, was heute an Streit in der Schule passiert ist Mobbing, Cybermobbing oder gleich ein Verbrechen. Mischen Sie sich nicht immer ein, sondern geben Sie ihren Kindern die Chance ihre Probleme selbst zu lösen. Sie können das. Wenn es am Ende wirklich Mobbing ist, merkt man das deutlich und darf es auch sehr ernst nehmen. Für den Rest der Zeit gilt: zickige Kinder dürfen ihre Probleme gerne ohne Eltern ausmachen. Nur so werden sie eines Tages gross. Und wir Eltern haben eine Helikopter Baustelle weniger. Das lohnt sich und ist gut für unseren Energiehaushalt, Und davon hat auch die restliche Familie etwas.

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