Kinder mit Stern – ein neues und gutes Buch gegen das Vergessen.

Ich weiss noch, als ich im selben Alter war, wie meine Tochter Valentina heute. Ich war  genauso besessen wie sie davon, alle Bücher zu verschlingen, die mir irgendwie erklären konnten, wie das UNERKLÄRLICHE passieren konnte. Wie konnte Hitler vor den Augen so vieler Menschen deren Freunde und Kollegen und Nachbarn verschleppen? Wie konnte er sie töten ohne, dass irgendeiner eingeschritten war? Es war ungeheuerlich, als Kind und auch heute noch als Erwachsene.

Während ich Bücher wie „als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ und „damals war es Friedrich“ las, geht meine Tochter ihren eigenen Weg: So gibt es zum Beispiel einen sehr beachtlichen Comic (obwohl es das Wort Comic nicht so richtig trifft, eher schon ein sehr ausführliches Bilderbuch mit viel Text) von Ari Folman und David Polonsky zum Tagebuch der Anne Frank. Sie hat ihn inzwischen sicherlich 10 Mal gelesen, weil er sie so beschäftigt. Immer wieder beantworte ich ihre Fragen dazu – Antworten, die mir nicht immer leicht fallen, denn was kann eine 11-jährige bereits verkraften und was ist definitiv zu viel?

Ein beachtenswertes neues Werk zu diesem Thema ist daher das neu im Carlsen Verlag erschienene Buch „Kinder mit Stern“ von Martine Letterie. Es handelt von Rosa und Jules und Klarte, Leo, Ruth und Bennie. Sie alle leben 1940  in den Niederlanden, als die Nazis dort einmarschieren. Plötzlich ist Krieg und plötzlich ändert sich alles. Rosa, die den Zoo liebt, darf nicht mehr dort hingehen. Jules möchte mit der Strassenbahn zu einem Freund und kann auch das nicht mehr. Die Kinder in diesem Buch sind Juden, sie müssen den gelben Stern tragen und sehen, wie sich ihr Leben plötzlich ohne sichtbaren Grund verändert. Aber trotz aller Beschränkungen handelt dieses Buch auch von der Normalität mitten im Wahnsinn. Davon wie sehr sich ein Junge freut, als er ein Paket ins Lager Westerbork bekommt, in dem sein altes, rotes Feuerwehrauto steckt. Davon, dass kaum noch Unterricht stattfindet, weil nach und nach alle in die „Züge“ gesteckt werden. Und wie sich ein Mädchen ganz zum Schuss versteckt, um nicht doch noch in den Transport nach Osten zu kommen. Und dann ist auf einmal Frieden. Die Deutschen sind weg, die Kanadier befreien das Lager und die Kinder erkennen, dass sich auch draussen die Welt verändert hat. Aber sie haben überlebt.

Mein Fazit: das Buch ist ein tolles Buch für Kinder, die sich in die jüdischen Kinder von damals hineinfühlen wollen. Es ist ein sanfter Einstieg, da der Autor sich nur auf Westerbork und das Leben davor begrenzt. Viele Geschichten handeln vom Alltag der Kinder, die versuchen so viel Normalität wie nur irgendwie möglich zu erleben. Es handelt von Abschied und Zusammenhalt und vom Unverständnis der Kinder, warum ihnen die Deutschen das antun. Dennoch hatte ich am Ende Tränen in den Augen, denn das Nachwort erzählt mehr, als das Buch.

18.000 jüdische und mehrere hundert Sinti Kinder wurden über das Lager Westerbork während des Zweiten Weltkriegs abtransportiert. Die meisten kamen nie mehr zurück. Nur eine kleine Gruppe, etwas über 1000 Kinder kehrten zurück und erzählten später Mitarbeitern des Erinnerungszentrums ihre Geschichte. Aus diesen Interviews ist dieses Buch entstanden. Ein Junge aus den Geschichten hat es nicht überlebt. Er starb 1944 in Auschwitz.

Die Autorin schreibt ganz zum Schluss dies: “ Ganz tief in meinem Herzen hoffe ich auch, dass sie (die Geschichten) ein wenig dazu beitragen, dass die Kinder, denen sie vorgelesen werden, später  vernünftige Erwachsene werden, die wissen, welche Folgen es haben kann, wenn man andere ausschliesst.

 

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