Über den Rüttelflug oder den Segelflug oder warum nicht einfach gleich die Quantenphysik?

Bis vor kurzem dachte ich tatsächlich, dass ich auf der Suche nach einem neuen Sinn meines Lebens wäre. Eine neue Arbeit, eine neue Ausbildung mit Mitte 40? Warum nicht? Wenn nicht jetzt, wann dann? Es gibt ja so viel Spannendes da draussen. Midlife Chance ich grüsse dich!

Leider hatte das Schicksal etwas anderes mit mir vor und suchte mir den Job aus, den ich am wenigsten wollte: Gymnasiallehrer in den Fächern Mathe und Naturwissenschaften für meine Tochter.

Die vergangenen Wochen sahen also so aus:

Wunschdenken:

ich schreibe Blogs
ich orientiere mich an neuen Berufen
ich mache Sport
ich fange endlich Kapitel 2 meines Romans an
ich mache Arbeiten im Haus oder Garten (das erdet sehr)

Realität:

ich habe meine Vormittage damit verbracht mich inhaltlich auf Nachmittage mit meiner Tochter vorzubereiten, an denen sie mir weinend erklärt, dass sie all den Stoff nicht kapiert. Ich kenne jetzt: SOFATUTOR. KLASSENARBEITEN.DE, SCHLAUKOPF, alle Lernfilme auf You Tube und vieles mehr.

Weitere Realität:

  • ich habe Achsen gespiegelt
  • versucht zu verstehen, wie man Maßstäbe umrechnet
  • Punkt vor Strich neu gelernt
  • Kapiert, warum eine Raute auch ein Rechteck ist und was das ganze von einem Trapez unterscheidet
  • des weiteren habe ich mich in Luftdruckunterschieden weitergebildet
  • habe versucht zu kapieren, wie Land und Seewind entsteht
  • Wann sich welche Luftsäule erhebt oder senkt und dann ein Hoch oder Tiefdruckgebiet entsteht.
  • und nicht zu vergessen, der Vogelflug, die Federn, und was unterscheidet den Rüttelflug vom Sturzflug

Kurzum: mein eigentlich bestandenes Abi steht nicht mehr zur Debatte, denn ich gehe wieder zur Schule.

Man muss dazu sagen, dass ich das am Anfang ganz witzig fand. Was für eine Chance, dachte ich mir. Ich werde spannende Dinge lernen, die wir möglicherweise in der Schule nie durchgenommen haben. Aber wenn man sich irgendwann zu 80 % mit Inhalten beschäftigen muss, die einen im Prinzip nichts mehr angehen, fragt man sich schon, was hier falsch läuft. Warum nur hatte ich als arrogante Bajuwarin gedacht, das Hamburger Schulsystem sei läppisch. Für meine Arroganz werde ich jetzt bestraft. Nachdem wir 9 Tage intensivst für Mathe gelernt hatten, brachte V. eine 4 nach Hause. Vorher rief mich aber noch ihr Mathelehrer auf dem Handy an, um mich zu fragen, warum wir unsere Tochter eventuell (er war sehr vorsichtig) so sehr unter Druck setzen würden, dass sie weinen müsste bei einer 4?

Druck??? Das sagt er mir? Der Frau, die bei Mathe Prüfungen immer einen Blackout hatte und die deswegen fast durchs Abi gerasselt wäre. Egal. Was immer es war, was V. zum Weinen brachte, es war wohl eher das, was auch mich an diesem Tag in Verzweiflung stürzte.

Wir opfern unsere Nachmittage; unser 11-jähriges Mädchen sitzt und lernt und lernt. Und streitet sich dann noch mit ihren Eltern. Anstatt zu spielen und ein Kind sein zu dürfen, quälen wir uns den Stoff hinein und bekommen dann eine 4. Das ist schwer auszuhalten.

Und wir sind nicht die Einzigen.

Ich würde diesen Beitrag jetzt gerne ins Lustige drehen, doch im Prinzip bin ich zu frustriert dafür. Heute schreibt meine Tochter NUT (Naturwisssenschaften) nach und wahrscheinlich wird sie auch da wieder nicht so gut sein wie sie denkt. Weil es viel zu viele Dinge GLEICHZEITIG sind, die die Lehrer abfragen. Wenn einem Erwachsenen schon der Kopf raucht, wie soll es dann einem Kind gehen? Warum kann es nicht wie früher sein, als wir den Stoff durchnahmen und zumindest bis zur 7. oder 8. Klasse das meiste schon im Unterricht verstanden, weil wir EIN Thema hatten und nicht 5. Und auch dann reichte auswendig lernen für eine anständige 3.

Ich halte Valentinas Lehrer für schlau und gut, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass die Stoff-MENGE zu anspruchsvoll ist für Kinder, die gerade der Grundschule entwachsen sind.

Heutzutage heisst es immer, man soll den Kindern den Stress dieser Zeit nehmen. Nicht so viel Aktivitäten am Nachmittag, nicht so viele Treffen. Einfach Ruhe. Wenn die Konsequenz ab dem Alter von 10 ist, dass die Kinder anstatt Tennis zu spielen oder draussen Fahrradzufahren, lernen, dann ziehe ich den Sport vor.

Der Ernst des Lebens beginnt noch früh genug, haben früher die Eltern zu ihren Kindern gesagt, wenn sie zu schnell zu viel wollten. Heute beginnt er mit dem stressigen Übertritt von der 4. in die 5. Klasse und scheint nie wieder aufzuhören. Selbst mit 47 nicht, ich kann ja meine Tochter schlecht im Stich lassen, also Schluss jetzt mit Schreiben und ran ans Repititorium: Heute soll ich ihr Potenzrechnung erklären, doch zuvor muss ich erstmal wieder aufrufen, wie das eigentlich noch genau ging :-))

3 Kommentare

  1. Hallo, wir haben genau das gleiche erlebt und wir waren genauso frustriert über das heutige Schulsystem und die Überforderung, die 11jährigen Kinder an den Schreibtisch bis abends zwingt anstatt zu spielen. Hinzu kam bei uns eine extreme Schulangst mit Panikattacken vor jedem Ausfragen. Ich hab noch kurz vor den Faschingsferien die Reissleine gezogen und meine Tochter geht jetzt auf die Realschule. Jetzt ist alles geruhsamer, übersichtlicher, kindgerechter erklärt, nicht viel weniger aber fast so wie bei uns damals am Gymnasium in der 5. Klasse – und das Abi kann sie ja trotzdem noch machen. Ich möchte das Gymnasium in Bayerm fast boykottieren, denn es hat aus meiner tollen Schülerin ein ängstliches Mädchen gemacht, dass erst jetzt wieder Selbstvertrauen lernt. Das muss doch nicht sein und das Elterm ab der 5. jeden Nachmittag mitlebernen auch nicht!

  2. Du hast sooo Recht. Es ist eine Sünde für die Kinder. Warum nehmen die ihnen die Kindheit? Die Unbeschwertheit? Und warum müssen wir Eltern so mitarbeiten? Und wie soll man das schaffen, wenn beides Eltern arbeiten? Unsere Lösungen war vorerst, tatsächlich eine Privstschule. Und ein ein bisschen Kinderglück ist zurück in der kleinen Seele.

  3. Liebe Caroline,
    eine Stimme aus der Schweiz, Ich denke das Problem ist in viel Größeres.
    Wir verlangen etwas in der frühen Jugend von den Kindern, was fast nicht mehr korrigierbar sein wird. Wenn die Kinder in der Schule Schwäche zeigen, sind sie eingeteilt und können dies nur unter Schmerzen ausgleichen.
    Als Kind weiss man dies nicht, aber ahnt es wohl schon. Als Elternteil versucht man dies schönzureden, aber weiss es aus Erfahrung besser.
    Bis zum Erwachsenwerden ist aktuell die Phase, die alles entscheidet.
    Später kann man nachkorrigieren, aber nie wieder die gleiche Richtig oder Falsch? *
    Tatsache behaupte ich.
    Später Nachkorrigieren ist möglich, aber immer nur mit Nachteilen und Schmerzen
    Darum vergesst alle beruhigenden Worte, was ihr nicht in den ersten 20 Jahren festzurrt, ist ein Problem.

    Sorry und liebe Grüsse

    Der Schweizer Urs

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