Über eine Störung, die so viele von uns betrifft und immer weiter um sich greift – die Anti TELEFONITIS

Ich habe eine Telefonstörung. Leider ist kein Fall für die Telekom, sondern eher ein Fall für einen Therapeuten. Ich mag nicht mehr telefonieren.

Im Grunde ist mir das lange Zeit gar nicht aufgefallen, bis ich anfing mich über meine Kinder aufzuregen. Beide haben Handys und beide sind nie zu erreichen. Das Prozedere läuft immer gleich ab: Ich rufe sie an, es klingelt und klingelt. NICHTS. Ich schreibe eine Whats app und ZACK bekomme ich eine Antwort. Am beliebtesten dabei ist die Whats app Sprachnachricht. Das 2020 Kind kommt nicht in die Verlegenheit die deutsche Rechtschreibung benutzen zu müssen und darf reden ohne von seiner Mutter unterbrochen zu werden. Als ich irgendwann einmal einer anwesenden Freundin davon berichtete, wie doof es sei, dass Kinder Telefone haben, die eigentlich nur für Blödsinn benutzt werden, klingelte parallel mein Handy. Ohne auch nur nachzudenken, schaltete ich es auf stumm und wartete auf eine Nachricht. Als die per Whats App kam, antwortete ich brav und ……erkannte, dass es mich auch erwischt hatte.

Wenn mein Handy klingelt, fühle ich mich gestört, ich reagiere gestresst und gehe fast nie ran. Wie kann das sein und wann ist das eigentlich passiert?

Ich weiss noch, dass einer der Haupt-Streitpunkte meiner Eltern war, dass meine Mutter angeblich morgens – statt brav den Haushalt zu machen- zu lange mit ihren Freundinnen telefonierte. Zumindest sagte das mein Vater. Meine Mutter dagegen hat höchstwahrscheinlich einfach nur ab und an ein Gespräch geführt. Und wer hätte es ihr verdenken können? In den 70 er Jahren waren Frauen zu Hause. Es gab keine Lunch Treffen, Latte Macchiato Mütter, keine gemeinsamen Treffen unter der Woche. Die Frauen machten Haushalt und Kinder und meist kochten sie dem zwischendurch heimkehrenden Mann auch noch ein Mittagessen.

Was muss das für ein wunderbarer Moment am Tag gewesen sein zu telefonieren! Ein Kontakt zur Aussenwelt. Ein kleiner Austausch, ein bisschen lachen, lästern, lamentieren.

Heute stehe ich morgens auf und es piept. Ich mache die Kinder für die Schule fertig und das Handy begleitet mich dabei wie eine Waffe. Irgendwie trägt man es ständig mit sich rum. Lasse ich es mal liegen, erwarten mich danach bedrückend viele Nachrichten, die beantwortet werden müssen. Es piept, zischt und drängt ununterbrochen. Und jeder ist beleidigt, wenn nicht sofort geantwortet wird. Der blaue Haken zeigt uns doch, der andere hat es gelesen, warum habe ich dann 2 Stunden später noch keine Antwort? Genau so läuft es heute ab und wenn ich ehrlich bin, hasse ich genau deswegen mein Handy. Es hält mich von all dem ab, was ich in den 80 er und 90 er Jahren des wunderbar vergangenen Jahrhunderts noch gerne gemacht habe. Lesen, Denken, Spazierengehen, Schauen, Fühlen, Sprechen. Ja, Sie haben es richtig gehört: SPRECHEN. Denn diese permanente Erreichbarkeit hat mit mir etwas gemacht. Ich will es einfach nicht. Ich möchte nicht ständig verfügbar sein. Ich gehe nur ran, wenn die Schule anruft (ok, ab und an auch bei der Familie und bei Freunden). Ich möchte nicht, dass mir noch mehr Zeit gestohlen wird. Und ich bin genauso schlimm wie meine Kinder. Eine Top whats Apperin, Sprachnachrichtenhinterlasserin usw…

Es gibt nichts worauf ich weniger stolz bin. Fragt man Menschen, die sich mit der Materie etwas auskennen, sagen diese: der Trend geht in die Stille. Wo es zu laut ist, muss es still werden. Aber werden wir uns dann in Zukunft alle nicht mehr treffen? Ist eine gute Diskussion dann ein Austausch von Meinungs-Sprachnachrichten? Werden auch schlimme Nachrichten nur noch virtuell schriftlich überbracht?

Wenn ich ehrlich bin geht es zu Lasten der Freundschaften. Nur weil ein technisches Gerät dauernd irgendetwas von einem will, verpasst man herrliche Gespräche, spannende Spaziergänge oder ehrlichen Austausch. Natürlich nicht immer, aber – wie ich finde – viel zu oft inzwischen. Mein Handy und ich haben jetzt einen Pakt geschlossen: Ein paar Stunden am Tag lege ich es stumm geschaltet weg ( die Schule hat unseren Festnetzanschluss). Dadurch schaffe ich mir wieder etwas mehr Ruhe. Und wenn es an ist dann benutze ich es auch. Ich will nicht, dass ein Gerät so viel Macht über mein Leben bekommt. Und ich hoffe ich bin nicht alleine mit diesem Gefühl.

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