Corona Tag 4 (von 100??)

So langsam spielt sich hier ein Rhythmus ein. Es ist zwar kein sozial verträglicher Rhythmus, aber da Corona keine wahnsinnig soziale Erscheinung ist, sondern uns im Gegenteil nach Hause zwingt, sollten wir Aufstehen und ins Bettgehen einmal ausser Acht lassen. Heute Morgen bin ich ziemlich früh aufgestanden, um meinen Mann kurz zu sehen, der sein Home Office – noch- in die inzwischen leere Firma in der Hamburger Hafencity verlegt hat, weil so viele Telefonkonferenzen zu Hause mit Kindern nicht gut vereinbar sind. Leider fand ich nur noch eine Cafetasse und eine Nutelladose vor und beschloss ins Bett zurückzukriechen, um per Handy alles zu lesen, was Instagram, Süddeutsche Zeitung und andere News Feeds, die ich abonniert habe über Nacht geschrieben haben. Einer meiner Lieblingsbriefings neben der NZZ ist der Blog oder Podcast von Gabor Steinhart, ehemals Handelsblatt, Spiegel usw und so fort…

https://www.gaborsteingart.com/morning-briefing/

Man kann sagen, was man will: Der Mann polarisiert gerne, aber die Interviews und Fakten, die er zusammenträgt sind spannend und fehlen mir in den Abendnachrichten, die ich ohnehin immer seltener angucke.

Nach einem ausgedehnten Nachrichtenüberblick und zwei weiteren grossen Tassen Cafe bin ich aufgestanden, um meinen müden Schülernachwuchs zu wecken. Eine Aufgabe, die sich leider von Tag zu Tag schwerer gestaltet, weil hier eine Art nächtliche Anarchie ausgebrochen ist und die Kinder keinen Grund mehr sehen zu schlafen. Um 2 Uhr morgens habe ich sie das letzte Mal gehört und hatte mir im Prinzip vorgenommen, sie aus Rache um 7 Uhr zu wecken, aber wir wollen uns ja die Corona Krise nicht gleich schwerer machen, als sie ist, also habe ich sie bis um 10 Uhr schlafen lassen.

Tatsächlich sassen wir ab 10.30 brav vor unseren täglichen Hausaufgaben, heute durfte ICH eine 14 tägige Tabelle über das Hamburger Wetter entwerfen. Am Ende werden Diagramme gezeichnet und alles ausgewertet und ICH lerne ganz viel dazu. Meine kleine Tochter dagegen findet das alles mehr oder weniger überflüssig. Mathe hat sie schon den dritten Tag in Folge weggefegt mit den beruhigenden Worten: „dann fetzen wir uns nur wieder und der ganze Tag ist versaut“. Naja, wo sie Recht hat, hat sie Recht, aber was wenn das alles noch länger geht? Können wir aus Harmoniesucht den Mathe Stoff der 5. Klasse canceln?

Etwas lustiger wurde der Religionsstoff zum Thema Judentum: Die Religionslehrerin war so nett auch an uns Nachwuchspädagogen zu denken und wir durften einen Film gucken und ICH danach eine Mindmap entwerfen. Bis vor Kurzem wusste ich nicht, was das ist, aber Schule 2020 entwirft pausenlos Mindmaps insofern muss man da ran und möglichst nicht so oft erwähnen, dass es in den 80 ern auch ohne Mindmaps ging.

Sehr zu empfehlen war dabei heute eine Serie, die ich noch nicht kannte: Checke Tobi heisst der junge Mann, der uns sehr unterhaltsam das Judentum erklärt hat und der auf KIKA offensichtlich noch viel mehr erklärt. Also wer Hilfe sucht…bekommt sie auf KIKA.

https://www.kika.de/checker-tobi/sendungen/sendung107608.html

Gestern kam die Nachricht, dass Hamburgs Schulen noch bis 19.April geschlossen bleiben. Nicht, dass ich das nicht erwartet habe, aber während mein Mann sich mit den wirtschaftlich wirklich gravierenden Folgen der Corona Pandemie herumschlägt, blitzen bei mir Fragen auf wie: was soll ich nur immer kochen? Wie bringe ich die Mädchen dazu Sport zu treiben ? Feiern wir den 50. Geburtstag meines Mannes nun tatsächlich alleine? Wann sehe ich meine Mutter wieder? Corona mag eine globale Angelegenheit sein, aber im täglichen Leben ist das eine reine Familiensache.

Nicht wirklich witzig finde ich den Umgang vieler Hamburger (und anderer) mit Corona. Eine Email unserer Schulleitung wies uns gestern daraufhin, dass offensichtlich einige Eltern und Kinder das Thema „Schulfrei“ falsch verstanden hätten. Statt sich abzusondern und auf Distanz zu anderen Menschen zu gehen, organisieren sich Mutter und Kind Gruppen, Spielenachmittage und für die etwas Älteren scheinen Parks besonders interessant zu sein, wo man sich zum Biertrinken und Abhängen trifft. WARUM Passiert so etwas?? Wo sind die Eltern, die dafür Verantwortung tragen müssen, dass das NICHT passiert? Sollen wir alle noch monatelang in unseren Behausungen sitzen, nur weil einige eine Pandemie mit einem grossartigen Freizeitspiel verwechseln?

Eine tolle Initiative hingegen, kam gestern von unserer örtlichen Musikschule, die normalerweise den Unterricht in unserem Gymnasium abhält. Ab der kommenden Woche finden ALLE Stunden statt. Online. Per Videochat wird nun gesungen, Gitarre gespielt oder Band Unterricht gegeben (wobei ich mir letzteres ziemlich schwierig vorstelle)

Überhaupt ist wirklich Phantasie in Sachen Freizeitgestaltung gefragt. Die Kinder werden von Tag zu Tag fauler und wollen sich nicht bewegen. Wie bekomme ich sie in Fahrt? (für Tipps bin ich sehr dankbar). Richtig leid tun mir momentan Eltern mit kleinen Kindern. Es ist so schwer zu Hause zu blieben, ohne Spielplatz und andere Möglichkeiten. Und ab und zu möchte man ja auch gerne mal durchatmen und nicht nur Legotürme bauen ..Heute Morgen sah ich eine bekannte Modebloggerin aus New York bei Instagram, deren Zwillinge in ihren Hochstühlen vor dem I Pad sassen. Sie selbst schrieb dazu: „nie, nie, nie wollte sie das für ihre Kinder, aber Corona macht den Tag so lang und so schwierig““ Statt Hasskommentaren, wie sie ja heutzutage an so einer Stelle üblich sind, bekam die ehrliche Frau jede Menge Unterstützung von anderen verzweifelten Eltern. Corona ändert uns alle.

Eine, die offensichtlich in New York noch nicht bekannt ist aber immer für gute Ideen bei kleinen Kindern zu haben ist, ist Marion Böller, Inhaberin der Lütte Sol Musikschule in Hamburg. Sie unterrichtet nicht nur diverse Instrumente, sondern ist seit vielen Jahren in Kindergärten unterwegs und bringt dort den Kleinsten den Spass an der Musik bei. Inzwischen hat sie ein eigenen Album herausgebracht, die Ri Ra Rasselbande und natürlich hat sie sich auch Gedanken zum Thema Corona gemacht. Wer also möchte, dass seine Kleinen nicht nur rumsitzen, dem sei hiermit hoffentlich ein bisschen geholfen.

So..ich habe jetzt beschlossen mit den Kindern zum Recyclinghof zu fahren und unser Haus auszumisten. Erstens bewegen sie sich so ein bisschen und bekommen FRISCHE (naja) Luft.. Zweitens muss man da nur Müll in die entsprechenden Container schmeissen (und so niemanden anfassen) und drittens wissen sie dann wenigstens mal wo der ganze Müll landet (eventuell pädagogisch wertvoll, eventuell auch nicht, falls sie dann denken, ist doch top, schmeiss ich eben noch mehr weg).

Ab morgen sammele ich bei all meinen Usern Rezepte, damit unsere Einheitsküche (Bolo, Bolo und Cesar Salad) ein Ende hat. Nachdem ich überzeugt davon war, dass die Hamburger wahnsinnig geworden sind, weil bei meinem Metzger tagelang Huhn ausverkauft war, belehrte mich meine Lieblings-Fleischverkäuferin gestern streng: „Was denken sie denn, warum das alles weg ist? Alle essen auf einmal zu Hause. Keine Kantinen mehr, keine Restaurants.!“ Sie guckte mich an, als ob ich vom Planeten Depp komme und ich war mir da auf einmal auch nicht mehr so sicher…

Mieseste Nachricht des Tages: Der Account eines Hamburger Gymnasiums, über den all die Aufgaben der Schüler online laufen wurde gehackt. Statt Schulaufgaben waren auf einmal Porno Bilder drauf. Es gibt wirklich nichts, was es nicht gibt. Schlimm.

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