Das Corona Webtagebuch Tag 1 (oder auch später)

Als ich diesen Blog in Daily Disaster umbenannt hatte, hatte ich eigentlich anderes im Sinn. 2 pubertierende Kinder, ein Umzug nach Paris, eine Krankheit, die ich nicht haben wollte, Schwierigkeiten ohne Ende, die das Leben aus meiner Sicht zu einem endlosen Scheitern machten, dass ich – je nach Laune, nur mit viel Humor, guten Freunden oder gar nicht bewältigen konnte oder wollte.

Das alles war VOR Corona. Als die Krise losging, erfreute ich mich wie der Rest der europäischen Welt an witzigen Videos und gruseligen Bildern aus dem abgesperrten Wuhan. Wir fuhren Ski und sassen in Südfrankreich in der Sonne. Endlos weit erschien es uns und dann rückte es Stück für Stück näher.

Wir alle wissen, was, wann und wo passiert ist, aber die vergangenen Tage habe uns verändert. Bilder aus Madrid oder Mailand, auf denen eingesperrte Menschen zusammen Musik machen, um der Quarantäne Einsamkeit zu entgehen. Bilder von Plätzen, die sonst von tausenden Menschen bevölkert sind, in Mekka, Venedig oder Rom – menschenleer. Bilder aus Krankenhäusern, überforderte, ermüdete Ärzte, am Ende ihrer Kraft. Erstmals erleben wir eine Pandemie.

Als ich gestern mit meinem Mann in Hamburg am Elbstrand spazierging, schien das Leben fast normal. Auffällig war nur, wie gut drauf die Menschen waren. Sie lachten einem ins Gesicht, wo sie sonst wegguckten, sie machten Musik und schienen fast übernatürlich happy. Wir scheinen zu verstehen, dass es uns – noch- sehr gut geht. Am selben Abend wurden die Grenzen geschlossen, mein Mann ist heute mit dem letzten, einsamen Flieger zu seinem Job nach Paris ausgeflogen. Wir wissen nicht, wann er wiederkommen wird, denn ab heute Nacht riegelt die französische Armee Paris ab.

Paris Autobahn heute

Ich bekomme Gänsehaut während ich das schreibe. Für die ältere Generation, die, die ohnehin am meisten betroffen ist, kommen Erinnerungen an den Krieg hoch. Meiner Mutter fehlt auch ohne Corona seit Wochen die Luft zum Atmen, so sehr lebt sie in der Angst, die dank medialer Dauerbeschallung minütlich auf uns einprasselt.

Als 1918 die spanische Grippe nach einem blutigen Weltkrieg ein weiteres Gros der Weltbevölkerung ausradierte, geschah das unbemerkt von der Weltöffentlichkeit. Kein Handy, kein Plan, kein Twitter. Heute bekommen wir alles SOFORT auf den Tisch und ja, es ist beängstigend, auch wenn es nur zu unserem eigenen Wohl ist und viele von uns wahrscheinlich dieses Virus unbemerkt haben und verarbeiten werden.

Eine neue Zeitrechnung hat begonnen: Auch hier in Deutschland wird es bald ein Ausgangsverbot geben. Die Welt wird heruntergefahren. Unsere Kinder gehen jetzt schon nicht mehr zur Schule und geniessen es gerade an den verschiedenen Computern (Gott sei dank!) ihre von den Lehrern gestellten Aufgaben machen zu dürfen. Ich habe schon gestern ein tausend Teile Puzzle der Welt begonnen und frage mich während ich Ulan Bator oder Grönland lege, ob da auch schon Corona Viren herumschwirren.

Für die nächsten Wochen habe ich mir vorgenommen viel mit den Kindern zu spielen, das Haus zu entmüllen und etwas Sport zu machen (notfalls laufe ich 50 mal Treppen rauf und runter).

Meine Schwester, die am Samstag nach 6 Wochen aus Tansania heimkam, möchte so schnell wie möglich zurück.

Mit meinen Schwiegereltern und meiner Mutter face- timen wir und wissen nicht, wann wir uns wiedersehen.

Über Peking gibt es keinen Smog mehr und das Wasser in Venedig wird auf einmal klar.

Ich bin gespannt, wie die nächsten Wochen aussehen werden. Für den Moment geht es uns gut. Den Älteren in unserer Familie, den Kindern, weil erstmals in ihrem Leben die Schule ausfällt und Menschen wie mir, weil ich in allem eine Chance wittere.

Vielleicht verändert dieses Virus unsere Welt mehr, als es eine Greta Thunberg tun konnte. Wissen werden wir das erst in ein paar Jahren. Aber den grossen umwälzenden Prozessen geht immer eine menschliche Veränderung voraus und die ist nun im Gang.

Als ich vor ein paar Jahren mit meiner Mutter Berlin besuchte, die Stadt , in der sie 1939 geboren und aufgewachsen ist, fragte ich sie, wie das alles auszuhalten war? Die Bomben, der Hunger, die Russen, die Kälte? Ihre Antwort war: wir haben uns an allem gefreut was schön war. Die Sonne, einem Stück Brot oder einfach nur auf dem Hof zu spielen.

Vielleicht bekommt wir ja alle ein Stück von dieser Zufriedenheit zurück, jetzt, wo auf einmal nicht mehr ALLES geht. Ich wünsche es vor allem den Kindern.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.